Bildung für alle

Hunderte Millionen Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Bildung. Initiativen aus Deutschland wollen das ändern.

Bildung durch Inklusion: Schulen leisten einen wichtigen Beitrag.
Bildung durch Inklusion: Schulen leisten einen wichtigen Beitrag. dpa

Das Ziel ist ambitioniert. Bis 2030 sollen alle Menschen auf der Welt Zugang zu Bildung haben. Zu einer Bildung, die niemanden ausschließt, in der jeder die gleichen Chancen erhält und die hochwertig ist.

Noch ist die Weltgemeinschaft, die dieses Ziel 2015 in der Globalen Nachhaltigkeitsagenda formuliert hat, weit davon entfernt, ihren Vorsatz einzulösen. Das geht aus dem Ende Juni 2020 veröffentlichten Weltbildungsbericht „Inklusion und Bildung: Für alle heißt für alle“ der Unesco hervor. Demnach besuchten im Jahr 2018 ungefähr 258 Millionen Kinder, Heranwachsende und Jugendliche keine Schule. Immerhin gibt es eine gute Nachricht: Die Zahl ist seit der Jahrtausendwende zurückgegangen. Damals lag sie noch bei mehr als 350 Millionen.

Ausgrenzung auf vielen Ebenen

Neben jungen Menschen, so legt der Bericht dar, werden auch Millionen Menschen wegen ihrer Herkunft, Identität oder einer Behinderung innerhalb des Bildungssystems ausgegrenzt und sind von den Folgen der Covid-19-Pandemie besonders betroffen. Die größte Hürde für den Bildungserfolg ist dabei weltweit immer noch die Armut.

„Armut wirkt sich auf Anwesenheit, Abschluss und Lernchancen aus“, heißt es im Weltbildungsbericht . Trotz Fortschritten bei der Minderung extremer Armut, besonders in Asien, sei jeder zehnte Erwachsene und jedes fünfte Kind davon betroffen – in Afrika südlich der Sahara sogar jedes zweite Kind.

Schule für alle

In Deutschland habe man bereits viel erreicht, so Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen Unesco-Kommission. „Aber die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernt noch immer separiert, statt den Unterricht an allgemeinen Schulen zu besuchen“, sagt Hirche. „Das müssen wir ändern.“

Gemeinsames Lernen steht bei inklusiven Schulen im Vordergrund.
Gemeinsames Lernen steht bei inklusiven Schulen im Vordergrund. dpa

Einen vorbildlichen Beitrag für mehr Inklusion in der Bildung leistet in Deutschland zum Beispiel die Marie-Kahle-Gesamtschule in der nordrhein-westfälischen Stadt Bonn. Jeden Morgen um 9:15 Uhr, zu Beginn der zweiten Schulstunde, ist auf den Fluren der Schule viel los: Dann dürfen sich die Schülerinnen und Schüler nach Belieben einen Klassenraum und eine Lernform aussuchen. Englisch oder Mathe? Gemeinsam mit Freundin A oder Freund B? Bei Lehrerin Y oder Lehrer Z? Die rund 900 Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst.

Sie lernen nach dem sogenannten Dalton-Plan, einem Konzept, bei dem sie in ihrem eigenen Tempo arbeiten und Raum, Fach sowie Lernpartner selbst wählen. In jeweils zwei Lernblöcken am Tag arbeitet die Schule nach dieser Methode. Neben den herkömmlichen Stunden können die Kinder sich die Zeit dann selbst einteilen, um Aufgaben eigenständig zu lösen. Der Vorteil: Die Schülerinnen und Schüler arbeiten selbständig, erhalten individuelle Förderung und können sich gegebenenfalls zurückziehen.

Dalton-Konzept für freieres Lernen

„Im Dalton-Konzept lassen wir bewusst zu, dass man den Entschluss fassen kann, nicht zu arbeiten. Mit dem Interludium gibt es dafür sogar einen gesonderten Raum. Wir beobachten, dass man leichter zu einer Sache ja sagen kann, wenn man auch nein sagen darf. Wir beobachten dies nicht zuletzt auch an uns selbst,“ sagt Sabine Kreutzer, Schulleiterin der Marie-Kahle-Gesamtschule.

Inklusion im Sportunterricht
Inklusion im Sportunterricht dpa

Die Schule wurde von der Unesco als Vorreiterin inklusiver Bildung gewürdigt. Für ihren Ansatz erhielten Sabine Kreutzer und ihr Team 2019 zudem den Jakob-Muth-Preis. Mit der Auszeichnung ehrt die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit der Bundesregierung und der Deutschen Unesco-Kommission Schulen, die sich besonderes für Inklusion engagieren.

Grenzenloses Lernen

Bildung soll in Deutschland zunehmend auch außerhalb der Klassenzimmer stattfinden. Das Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt außerschulische Projekte zur kulturellen Bildung. In einem einjährigen Kreativprojekt haben sich zum Beispiel Jugendliche aus Idar-Oberstein, die für ihre Edelstein- und Schmuckproduktion bekannt ist, mit den Handwerkstraditionen ihrer Region beschäftigt. „Schnitzeljagd trifft Smartphone“ lautete die Devise eines Münchener Ferienangebots, bei dem Kinder die kreativen Möglichkeiten digitaler Technik entdeckten und nebenbei spielerisch ihre Umgebung erkundeten.

Menschen mit Migrationshintergrund nimmt die Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration (KAUSA) in den Blick. Die BMBF-Initiative fördert die duale Ausbildung von Migranten und Geflüchteten in Unternehmen.

Auch in anderen Ländern hat die Unesco innovative Ansätze für mehr Inklusion in der Bildung gefunden. Auf Kuba, in Malawi und der Ukraine etwa gibt es Kompetenzzentren, die allgemeine Schulen dabei unterstützen, Kinder mit besonderen Bedarfen zu unterrichten. Und Gambia, Neuseeland und Samoa setzen mobile Lehrkräfte für benachteiligte Gruppen ein.

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