Der „britische Blick“ auf Deutschland

Im Berliner Martin-Gropius-Bau erleben Schüler eine Ausstellung des British Museum. Sie erzählt 600 Jahre deutscher Geschichte und Identität aus britischer Sicht.

Stephan Pramme - Martin-Gropius-Bau

In einer sehr großen Vitrine liegt ein sehr kleiner Gegenstand. Niklas steht davor und rätselt. Was ist das? Es sieht aus wie ein Ei, ist aus Metall, weiß getüncht und hat Löcher wie ein zu groß geratener Salzstreuer. Der 14-jährige Schüler der Berliner Alfred-Nobel-Schule liest nach – und findet heraus, dass das Objekt im Kern eine Handgranate ist. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie von der Firma Ata umfunktioniert zum Waschmittelspender.

Die Ausstellung „Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ ist eben ein Blick mit Abstand und englischem Humor. Neil MacGregor, früher Direktor des British Museum und heute Gründungsintendant des Berliner Humboldt-Forums, hat sie geplant – eigentlich für das Publikum in London, wo sie 2014/2015 zu sehen war. Die recycelte Handgranate steht dabei als Symbol für das geschäftige Aufräumen im Nachkriegsdeutschland.

Kein Schwerpunkt auf dem Nationalsozialismus

Zwei Räume der Ausstellung sind Weltkrieg, Kaltem Krieg und Zeit des Mauerfalls gewidmet. Die meisten der rund 200 Objekte beschäftigen sich aber mit dem Handwerk, den Wirtschaftsleistungen, der Kunst und Kultur Deutschlands. Auch das ist erstaunlich und der britischen Perspektive geschuldet, meint Susanne Rockweiler, stellvertretende Direktorin des Martin-Gropius-Baus. „Ein Kurator aus Deutschland hätte einen Schwerpunkt auf den Nationalsozialismus gesetzt.“

Diesen Schwerpunkt setzen auch Alina und Belinda aus der neunten und zehnten Klasse der Berliner Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule. Angeleitet von Museumspädagogen, erkunden sie mit rund 100 anderen Schülerinnen und Schülern die Räume, suchen sich Objekte aus und setzen sich mit deren Geschichte auseinander. Die beiden Mädchen wählen die Eisentür aus dem Konzentrationslager Buchenwald. „Jedem das Seine“ steht darauf in roten Lettern. Alina und Belinda erzählen von der verbrecherischen Geschichte des Lagers, in das Menschen aus ganz Europa verschleppt wurden und in dem mehr als 56.000 von ihnen starben. „Dieses Tor steht für die Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg“, sagt Belinda und Alina findet, die gehörten unbedingt zu Deutschland dazu.

Viele Sprachen, viele Perspektiven

Im nächsten Raum schütteln zwei andere Mädchen die Köpfe. Leonore und Melissa stehen vor einem blaugrauen VW-Käfer. Aus britischer Sicht verweist er auf die Deutschen als erfolgreiche Automobilbauer und begeisterte Autofahrer. Leonore zuckt mit den Schultern: ein Mercedes als Symbol für die Deutschen – das hätte sie ja noch verstanden. Aber dieses Gefährt hier gehört nicht mehr zu ihrem Alltag.

Die Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit deutscher Geschichte aus britischer Sicht hat in der Ausstellung, die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird, eine wunderbare Leichtigkeit. Viele, die mit ihren Lehrern am Vermittlungsprogramm teilnehmen, setzen sich zum ersten Mal so intensiv mit der eigenen Geschichte auseinander – und spiegeln mit ihren unterschiedlichen Blicken und Sprachen und ihrer unterschiedlichen Herkunft die von der Ausstellung thematisierte europäische Vielfalt der Perspektiven.

So wie Alessia. Sie wächst zweisprachig auf, ihre Eltern kommen aus Italien. In der Ausstellung zogen Alessia die glitzernden Perlen einer Monstranz an, zu deren Funktion im Katholizismus sie recherchierte. Ein bisschen davon wusste sie schon, sie ist selbst katholisch. Dass der christliche Glaube zu Deutschland gehört wie andere Religionen auch, ist ihr ebenfalls klar. Doch das Umhertragen einer Monstranz in den Straßen an Fronleichnam – das nimmt sie den Briten nicht als ‚typisch deutsch‘ ab. „Das gibt es viel mehr in Italien!“

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