Vorreiter in Mexiko – die VW-Akademie

Volkswagen bildet in Mexiko seit 50 Jahren nach dem deutschen Modell aus.

Vorreiter in Mexiko: 
die Volkswagen-Akademie

Für Ernesto Reyes tat sich eine neue Welt auf, als seine große Schwester mit Schaltplänen nach Hause kam. Er war 13 Jahre alt und wollte auch solche spannende Dinge lernen. Heute absolviert der 18-Jährige eine Ausbildung zum Mechatroniker bei Volkswagen Mexiko. Gekonnt bedient er Industrieroboter und verlegt Schaltkreise. Für Autos begeisterte sich Reyes schon als Kind. Damit ist er genau richtig in ­Puebla, wo Volkswagen 1965 den Grundstein für sein erstes Werk in Mexiko legte.

Es gibt noch Schwarz-Weiß-Fotos aus jener Zeit. Sie zeigen das Bauland, umgeben von Maisfeldern. Puebla lebte damals vor allem von der Landwirtschaft. Weit und breit gab es keine Fachkräfte, deshalb begann gleich nach der Grundsteinlegung der erste Lehrgang an der Volkswagen-Akademie. Die meisten Auszubildenden waren Bauernsöhne. Sie lernten schleifen, meißeln und sägen – solide Arbeit für den VW Käfer. Die Anforderungen an die heutigen Azubis sind höher. Autos wie der Jetta und der Golf werden mit hochmodernen Robotern gefertigt.

„80 Prozent der Ausbildung sind Praxis, 20 Prozent Theorie“, sagt Mechatroniklehrer Juan Carlos Torres. Das duale Modell bei VW war lange einzigartig in Mexiko. Die Lehrpläne sind angelehnt an die deutschen, aber auf die Bedürfnisse von VW zugeschnitten; die Abschlüsse sind in Deutschland nicht anerkannt. Anfangs kam für die Absolventen eigentlich nur eine Arbeit bei VW in Puebla infrage. Das ist inzwischen anders. Weitere Autohersteller und Zulieferer haben in Mexiko Werke gebaut, und auch Unternehmen der Luftfahrttechnik, der Hotellerie oder der Petrochemie brauchen Facharbeiter. Die mexikanische Regierung baut deshalb inzwischen mit deutscher Unterstützung landesweit ein duales System auf.

Beim VW-Modell trägt der Betrieb die Kosten für die dreijährige Ausbildung, für Essen und Transport. Einen Lohn gibt es – anders als in Deutschland – während der Zeit nicht. Dafür eine Arbeitsplatzgarantie bei VW oder einem seiner Zulieferer mit einem Einstiegsgehalt von umgerechnet 500 Euro monatlich, was in Mexiko mit seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit für viele attraktiv ist. Ebenso wie die Deutschlandreise, mit der der beste Azubi belohnt wird.

Rund 5600 junge Männer und Frauen haben seit 1966 die Ausbildung durchlaufen. Manche von ihnen haben heute verantwortungsvolle Managerposten. Zwar ist nicht immer vorhersehbar, wie viele Stellen am Ende der Ausbildung zu besetzen sind, aber laut Akademieleiter Thomas Hertwig hat bislang „jeder, der bei uns bleiben wollte, einen Job gefunden“. 1985 begann die erste Frau ihre Ausbildung bei VW, inzwischen sind ein Viertel der Azubis weiblich. Anahí Ramírez, 20 Jahre alt und Tochter eines Taxifahrers, wollte schon früh lernen, wie man Autos baut. „Die Fachbegriffe zu lernen war für mich schwierig“, räumt die Auszubildende ein, „also habe ich abends zu Hause gebüffelt.“ Genau wie Reyes, der nach der Ausbildung ein Ingenieurstudium beginnen will. ▪

Sandra Weiss