Ausweg aus der Kontaktsperre

Welche Einschränkungen sind in der Corona-Krise sinnvoll? Das möchten Virologen in der kleinen Gemeinde Heinsberg herausfinden.

Ortschild Heinsberg
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Ausgerechnet zum Karneval gab es den ersten großen Covid19-Ausbruch in Deutschland: in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Heinsberg. Die Verantwortlichen reagierten schnell, schlossen die Schulen und verhängten eine Quarantäne, trotzdem infizierten sich dort durch Tests nachgewiesen rund 1.500 Personen mit dem Virus. Ein Vergleich des Verlaufs der Infektionen in Heinsberg mit den Zahlen aus dem Rest der Republik brachte Experten zu der Annahme, dass Heinsberg in seiner Corona-Entwicklung dem Rest Deutschlands etwa zweieinhalb Wochen voraus ist. Zum Beispiel hatten sich die Neuinfizierungen in den vergangenen Tagen dort bereits deutlich verlangsamt.

Heinsberg als Modellregion für ganz Deutschland

Daher ist aus der Region nun ein großes Forschungsobjekt geworden, in Heinsberg sollen Erkenntnisse für den Umgang mit der Infektion gewonnen werden. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet sagte dazu, Heinsberg könne als Modellregion dienen, um „wissenschaftlich fundiert herauszufinden, welche der ergriffenen Maßnahmen und tiefen Einschnitte in das Leben der Bürger weiterhin virologisch und epidemiologisch sinnvoll sind und welche nicht.“

Leiter der „Covid-19 Case-Cluster-Study“, die Heinsberg unter die wissenschaftliche Lupe nimmt, ist der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Seit dem 30. März versucht er das Virus besser zu verstehen. „Welche Maßnahmen sind sinnvoll und wo könnten wir Maßnahmen lockern? Diese Fragen lassen sich nur mit Fakten beantworten und die wollen wir in den nächsten Wochen schaffen“, sagt Streeck auf einer Pressekonferenz.

Die Dunkelziffer von Corona-Infizierten ermitteln

40 Medizinstudierende der Universität Bonn untersuchen 1.000 ausgewählte Personen aus dem Kreis Heinsberg. „Sie erheben Daten per Fragebogen, machen Abstriche, sammeln Speichel ein und nehmen eine Blutprobe“, erklärt Streeck. Die Forscher wollen an einer kleinen Probandengruppe die Dunkelziffer von Corona-Infizierten ermitteln, um mit diesen Erkenntnissen belastbare Hochrechnungen für andere Regionen und Länder machen zu können. Erst nach Kenntnis der Dunkelziffer können sie errechnen, wie gefährlich und tödlich das Virus tatsächlich ist. Außerdem testen die Virologen, ob sich das Virus auch durch Alltagsgegenstände wie Smartphones, sanitäre Anlagen, Lebensmittel oder sogar über Haustiere verbreitet. So wollen sie herausfinden, wie sich Menschen infizieren, aber vor allem auch: „Wer hat sich nicht infiziert und warum“, sagt Streeck.

Der Landkreis Heinsberg ist eine Chance für den Rest von Deutschland.

Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn

Die Wissenschaftler sollen der Regierung möglichst schnell Fakten liefern. Die Phase der Datenerhebung ist zwar auf vier Wochen angelegt, doch Streeck rechnet bereits nach kürzerer Zeit mit ersten belastbaren Daten. „Wir hoffen, dass die Studie nicht länger als zwei Wochen dauern wird und wir bereits nach der ersten Woche erste Informationen an die Regierung weitergeben können.“

Der Virologe Hendrik Streeck leitet die Corona-Studie.
Der Virologe Hendrik Streeck leitet die Corona-Studie. dpa

„Der Landkreis Heinsberg ist eine Chance für den Rest von Deutschland Informationen zu sammeln und praktische Hinweise zu geben, wie man in Zukunft mit der SARS-CoV-2 umgehen kann und wie wir eine weitere Eindämmung erreichen, ohne, dass das Leben in den nächsten Jahren zum Erliegen kommt“, sagt Streeck.

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