Pro & Contra
Social Media erst ab 16: Schutz oder falscher Weg?
Australien macht es vor, Frankreich forciert ähnliche Regeln. Auch in Deutschland wächst die Debatte. Was schützt Jugendliche wirklich: Verbote oder Medienkompetenz?
Frau Frense, Herr Schnetzer: Braucht Deutschland ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16?
Ja! Bezeichnend dafür finde ich diese Aussage: „Wir verbieten nicht den Kindern den Zugriff auf Social Media, sondern Social Media den Zugriff auf unsere Kinder“. Vor wenigen Wochen kam eine klare Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie heraus, die Smartphones ab 14 und Social Media ab 16 Jahren empfiehlt. Medienbildung und Regulierung sind wichtig, doch ohne ein Verbot, vielleicht nur als Zwischenschritt, kommen wir nicht weiter.
Der Kinderschutzbund sieht die Risiken und Gefahren, denen Kinder im Netz ausgesetzt sind. Das reicht von suchterzeugenden Algorithmen, über unangemessene Inhalte und Fakenews bis hin zu Cybermobbing und Cybergrooming. Viele dieser Gefahren entstehen aber nicht nur auf Social Media, sondern auch in Games und Messengern. Ein pauschales Verbot löst diese Probleme daher nicht. In Australien zeigt sich nach dem Verbot außerdem, wie leicht sich diese Verbote umgehen lassen.
Was ist wichtiger: Kinder vor Social Media zu schützen oder ihnen digitale Teilhabe zu ermöglichen?
Die Gefahren bei Social Media wiegen höher. Der Ausschluss von der digitalen Lebenswelt ist nur dann ein Problem, wenn sich das Leben der Gleichaltrigen primär dort abspielt.
Ich möchte das nicht gegeneinander ausspielen. Kinder haben ein Recht auf Schutz und Teilhabe. Diese beiden Rechte müssen in Balance gebracht werden. Resilienz entsteht nicht durch Verbote, sondern durch sichere Rahmenbedingungen und Begleitung durch Erwachsene
Wer sollte jetzt vor allem handeln: der Staat, die Plattformen oder die Eltern?
Vor allem der Staat. Plattformen werden nie freiwillig auf ihr Geschäft mit der Aufmerksamkeit der jungen Generation verzichten. Daher ist der Staat zuerst in der Pflicht. Eltern müssen den Medienkonsum begleiten und einen sicheren Rahmen schaffen. Am Ende müssen Staat, Bildungseinrichtungen und Eltern gemeinsam handeln.
Alle. Plattformen, Staat und Eltern tragen gleichermaßen Verantwortung. Plattformen müssen gesetzliche Regelungen umsetzen. Eltern müssen begleiten. Gleichzeitig brauchen Familien Unterstützung durch Schulen und medienpädagogische Angebote.
Lässt sich ein Social-Media-Verbot überhaupt durchsetzen?
Ja. Technisch ist es möglich, wenn der Druck auf die Konzerne hoch genug ist. Wenn die Strafen empfindlich genug sind, lohnt es sich, Lösungen zu entwickeln. Im äußersten Fall werden Plattformen abgeschaltet, bis sie die Regeln einhalten.
Das ist das Grundproblem. Es gibt bislang keine anonyme, datensparsame und diskriminierungsfreie Möglichkeit, das Alter im Netz sicher festzustellen. Jugendliche finden Wege, Altersgrenzen zu umgehen. Verbote können deshalb eine falsche Sicherheit erzeugen.
Was raten Sie Eltern konkret im Umgang mit Social Media?
Sich informieren, im Gespräch bleiben und Vorbild sein. Eltern sollten ihren eigenen Medienkonsum reflektieren und klare Regeln setzen, etwa Smartphones erst ab 14 und Social Media ab 16. Gefahren entstehen nicht nur durch Social Media, sondern auch durch Gaming-Plattformen oder KI-Chats, weil sich die digitale Welt rasant verändert und ständig neue Risiken entstehen. Zur Orientierung empfehle ich Eltern Informationsangebote wie den Elternblog Medienzeit.
Ich frage zunächst, von welchem Netzwerk wir sprechen. WhatsApp, Snapchat oder TikTok sind nicht dasselbe. Eltern sollten für jede Plattform entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen ihr Kind sie nutzen darf. Wichtig ist, technische Schutzmöglichkeiten zu kennen und im Gespräch über Risiken zu bleiben. Kinder sollten nicht allein und unbegleitet im Netz unterwegs sein.