Die Documenta und der Skandal

Ein Fall von Antisemitismus überschattet die Weltkunstschau in Kassel. Er soll aufgeklärt  werden und den Blick auf das Eigentliche wieder freigeben: ein neues Verständnis von Kunst. 

Besucher vor dem Fridericianum
Besucher vor dem Fridericianum dpa

Warum heißt das Museum Fridericianum plötzlich Fridskul? Wer hat die Gruppe Gudskul und die Rurukids dort einquartiert? Und warum sind dort und an vielen anderen Orten in Kassel plötzlich Worte wie „Lumbung“ zu hören? Nun, die einfache Antwort ist: Es ist wieder Documenta-Zeit in Kassel. Die auch als „Museum der 100 Tage“ bezeichnete Weltkunstschau hat die kleine hessische Großstadt wieder mal im Griff. Nur dass bei der noch bis zum September laufenden Documenta 15 diesmal so einiges anders ist. Denn die weltweit wichtigste, alle fünf Jahre stattfindende Ausstellung für zeitgenössische Kunst wird zum ersten Mal seit 1955 von einem Künstlerkollektiv kuratiert. Ruangrupa (frei übersetzt: „Kunstraum“ oder „Raumform“) heißt das vor 22 Jahren im indonesischen Jakarta gegründete und den „globalen Süden“ repräsentierende Kollektiv. Und das hat seine ganz eigenen Kunstvorstellungen nach Kassel gebracht.

Besucher vor dem Fridericianum
Besucher vor dem Fridericianum dpa

Dazu gehört, dass die Mitglieder von Ruangrupa beim Kuratieren auf Werte wie Freundschaft, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft setzen. Deshalb haben sie als Gruppe weitere Gruppen eingeladen und diese dürfen für ihre Ausstellungen oder Aktionen zusätzlich Künstler engagieren. Rund 1700 Mitwirkende sollen es insgesamt sein, die dadurch an der Documenta 15 beteiligt sind. Da kann man als Veranstalter oder Besucher schon mal den Überblick verlieren. Dieses künstlerische, soziale und ökonomische Miteinander nennen Ruangrupa „Lumbung“, was übersetzt „Reisscheune“ heißt. In Indonesien werden in solchen Scheunen die Ernteüberschüsse gelagert und später an die Gemeinschaft verteilt.

Wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten.

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Als Konzept klingt das sympathisch, und als offen, antielitär, spielerisch und freundlich wurde die Atmosphäre auf der Documenta auch erlebt. Bald kam aber noch ein weiteres, beschreibendes Adjektiv dazu: antisemitisch. Auf einem inzwischen abgehängten Wandgemälde der von Ruangrupa eingeladenen indonesischen Künstlergruppe Taring Padi waren nämlich zwei antisemitische Karikaturen zu sehen. Die Documenta 15 hatte ihren ersten, große Wellen schlagenden Skandal. Wie das passieren konnte, ist seitdem die große Frage, die für viele noch nicht ausreichend beantwortet ist. Die Documenta-Leitung verwies auf die Freiheit der Künstlerinnen und Künstler und der Kuratoren. Ruangrupa und Taring Padi haben sich für das 20 Jahre alte Bild entschuldigt. Und der Künstler, der das als antiimperialistisch und antikapitalistisch gedachte Wimmelbild geschaffen hat, lebt leider nicht mehr.

Dass man antisemitische Bilder in Deutschland nicht zeigen darf, steht außer Frage. Denn die ansonsten vorherrschende Kunstfreiheit hört bei der Verletzung der Menschenwürde auf. Und weil die Empörung nun groß ist, wurde bereits der Rücktritt der Generaldirektorin der Documenta Sabine Schormann oder von Kulturstaatsministerin Claudia Roth gefordert. Andere erklären die Documenta 15 grundsätzlich für gescheitert oder sagen, dass die Weltkunstschau allgemein nicht mehr zu retten sei. Tatsache ist jedenfalls, dass seit diesem Skandal alles andere in den Hintergrund getreten ist. Wie etwa das erwähnte Setzen auf Gemeinschaft, die Kritik am Kapitalismus und am Kunstmarkt sowie die erkennbaren Versuche, nicht nur theoretisch, sondern praktisch neue Wege auszuprobieren. 

Die „Aboriginal Embassy" von Richard Bell
Die „Aboriginal Embassy" von Richard Bell dpa

Dazu gehören Projekte wie die „Lumbung Gallery“, wo die Künstler ohne Einbezug des klassischen Kunstmarkts Werke verkaufen dürfen. Oder Ideen wie die der Britin Kate Rich, den Reiseverkehr der Kunstwelt für den Transport von Lebensmitteln und anderen Dingen zu nutzen. In der „Lumbung Press“ in der Documenta-Halle werden Zines und Flugblätter gedruckt. Richard Bells tritt im Friedericianum mit seinen poppigen Gemälden für die Rechte der australischen Aborigines ein, während das Nest Collective aus Nairobi mit auf den Karlsauen platzierten Altkleider- und Elektroschrott-Klumpen die reichen Industrienationen kritisiert. In der Grimmwelt, einem Ausstellungshaus zu den Werken, zum Wirken und zum Leben der Brüder Grimm, stellt der indonesische Theatermacher Agus Nur Amal Pmtoh in Videos und Workshops die Kunst des Geschichtenerzählens ins Zentrum. Und am Bootsverleih Ahoi an der Fulda kann man wie auch an vielen anderen Orten in Kassel chillen, entspannen und abhängen.

Das documenta-Projekt „citizenship“ vor dem Berliner Reichstag
Das documenta-Projekt „citizenship“ vor dem Berliner Reichstag dpa

Im ehemaligen Hallenbad Ost zeigen Taring Pardi ihr Archiv. Im Hübner-Areal, einem aufgegebenen Produktionsstandort, präsentiert die Fondation Festival sur le Niger aus Mali Filme, Theaterstücke und Konzerte und im Staatspark Karlsaue ist sogar ein Komposthaufen Ausstellungsort. Was deutsche Künstler und Künstlerinnen angeht, so ist etwa das Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik mit einer Boots-Aktion vertreten. Henrike Naumann zeigt eine Orgel-Skulptur und Hito Steyerl ist mit einer opulenten Videoarbeit beteiligt. Wobei Steyerl gleichzeitig eine der wenigen Kunstmarkt-Größen auf dieser Documenta ist. Ob der Rest nun Kunst oder „nur“ Aktivismus oder wie der Kunsttheoretiker Bazon Brock meint, gar das „Ende der Kunst“ ist: darüber lässt sich trefflich streiten. Und dafür ist die Documenta selbst der beste Ort.

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