Kollektiv künstlerisch engagiert

Die indischen Künstlerinnen Nimi Ravindran und Shiva Pathak erhalten die Goethe-Medaille 2022.

Die Künstlerinnen Nimi Ravindran und Shiva Pathak
Die Künstlerinnen Nimi Ravindran und Shiva Pathak Sandeep

Sie wollen „die Kraft der Kunst für eine friedlichere, gerechtere und inklusivere Gesellschaft nutzbar machen“. So formulieren Nimi Ravindran und Shiva Pathak ihre Vision. Um das zu erreichen, haben die beiden Frauen 2013 im indischen Bangalore das Sandbox Collective gegründet. In ihrer Arbeit beziehen sie dabei „kontinuierlich Stellung gegen nationalistische, religiöse und fundamentalistische Politik“, wie es in einem Text des deutschen Goethe-Instituts heißt. Das ist einer der Gründe, warum es Ravindran und Pathak in diesem Jahr die Goethe-Medaille verleiht.

Am 28. August können sie die Medaille als offizielles Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland in Weimar entgegennehmen. Genauso wie der Multimedia-Künstler Mohamed Abla aus Ägypten und die Direktorin des Johannesburg Holocaust & Genocide Centre Tali Nates aus Südafrika. Was sie alle eint, ist, dass sie mit ihrer Arbeit künstlerisch oder wissenschaftlich zwischen ihren Regionen und Deutschland und Europa vermitteln. Dass sie Brücken für ein gegenseitiges Verständnis schaffen sowie im Falle von Ravindran und Pathak „freie Räume für Kunst, Aktivismus, Debatte und Dialog“.

Im Goethe-Institut Bangalore fing es an

Für diese Werte steht das Festival Gender Bender, welches das Sandbox Collective seit 2015 zusammen mit dem Goethe-Institut Bangalore organisiert. Dort fand es zunächst auch statt, seit 2019 ist es im Bangalore International Center beheimatet. Gezeigt werden bei Gender Bender künstlerische Arbeiten, die sich innovativ mit der Gender-Thematik auseinandersetzen. Hinzu kommen Workshops, Vorträge, Musik, Tanz und Installationen. Nach einer durch Corona erzwungenen Online-Veranstaltung 2021 ist die nächste Ausgabe im kommenden Dezember geplant.

Neben Gender Bender organisieren Nimi Ravindran und Shiva Pathak Theater-, Musik- und Tanz-Produktionen, bieten Theater-Workshops sowie ein Residenz-Programm für Künstler an. Außerdem haben sie bereits mit zahlreichen internationalen Künstlern und Institutionen zusammengearbeitet. Darunter sind deutsche Theatergruppen wie Rimini Protokoll und Mixed Pickles oder der Berliner Medienkünstler Ben Brix, der 2018 als Stipendiat des Goethe-Instituts in Bangalore war.

Ravindran war Journalistin, Pathak in der Entwicklungshilfe

Ravindran und Pathak selbst haben sich 2003 bei einer Theaterproduktion kennengelernt. Die 1971 geborene Nimi Ravindran ist Autorin, Theatermacherin und Direktorin des Kamshet Arts Festivals. Sie war stellvertretende Chefredakteurin bei India Today und gehörte zum Gründungsteam des bekannten Ranga Shankara Theaters. Über ihren Weg zur Kunst sagt sie: „Ich erinnere mich, dass mir mein Großvater schon als Dreijährige erstaunliche Geschichten aus der indischen Mythologie erzählte. Später, im Alter von sechs Jahren, spielte ich die winzige Rolle eines Holzfällers in ‚Schneewittchen‘ und verliebte mich unwiderruflich in die Bühne.“

Die 1980 geborene Shiva Pathak arbeitete nach dem Studium vier Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit, merkte dann aber, dass ihr Herz der Kunst gehört. Seitdem lebt sie als Schauspielerin, Produzentin und Kulturmanagerin in Bangalore. Ihr erstes Kunsterlebnis? Die Schallplatten ihres Vaters. Außerdem hat sie als Kind mit ihren Cousins und Cousinen in den Sommerferien „ein Programm für die Erwachsenen zusammengestellt, mit Eintrittskarten und allem Drum und Dran –  es wurde gesungen, getanzt und gespielt.“

Das Künstlerkollektiv ruangrupa kuratiert die documenta
Das Künstlerkollektiv ruangrupa kuratiert die documenta documenta

Der Kollektivgeist liegt im Trend

Mit ihrem Sinn fürs Kollektiv liegen Ravindran und Pathak im Trend. So waren für den britischen Turner Prize 2021 zum ersten Mal nur Kollektive nominiert. Auch die Kunstausstellung Documenta in Kassel wird 2022 erstmals von einer Künstlergruppe kuratiert, der Ruangrupa aus Indonesien. Künstlerkollektive haben natürlich eine große Tradition: Berühmte Gruppen in Deutschland waren etwa Die Brücke und der Blaue Reiter, in Indien zum Beispiel die Bombay Progressive Artists’ Group.

„Wir haben Sandbox Collective gegründet, weil wir die Veränderung sein wollten, die wir sehen wollten“, sagt Shiva Pathak. „Als Künstlerinnen und Frauen hatten wir einige Probleme mit dem System und der Gesellschaft und wollten mit unserer Arbeit einiges davon ansprechen.“ Zwar habe sich in Indien „in den letzten 20 Jahren ein enormer Wandel vollzogen, sowohl was die Gesetzgebung als auch die Art betrifft, wie wir als Gesellschaft an Fragen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität herangehen. Aber das ist noch nicht genug. Für jeden Schritt vorwärts gibt es einen, der uns wieder zurückwirft.“ Die Goethe-Medaille sehen die Künstlerinnen jedenfalls als wichtige Bestätigung. Und weil sie in Deutschland „viele Freunde und Partner“ haben, sei die Verleihung für sie ebenfalls „etwas ganz Besonderes“.

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