Ein Experiment auf großer Bühne

Gastspiele aus Lateinamerika und eine deutsch-chilenische Koproduktion: Mit dem Festival ¡Adelante! bringt das Theater und Orchester Heidelberg Künstler verschiedener Kontinente zusammen.

Annemone Taake - Theatre

Für das Stück „Not in my backyard“ , das in Heidelberg uraufgeführt wurde, arbeiteten deutsche und chilenische Theatermacher zusammen. Künstler der Gruppe Colectivo Zoológico und vom Theater Heidelberg erzählen darin von einer Öko-Kommune in Chile, die den Verlust ihres Mikrokosmos fürchtet. Die Schauspielerin Nicole Averkamp und der Regisseur Nicolás Espinoza über Erfahrungen mit der Koproduktion.

Nicole Averkamp: „Die Köpfe heiß geredet“

„Der Beginn unserer Zusammenarbeit war geprägt von großer Offenheit und Neugier. Über alle Sprachbarrieren hinweg haben wir uns die Köpfe heiß geredet. Was kann in einem Theaterabend für beide Länder, Chile und Deutschland, Relevanz haben? Es ist immer kompliziert, einen gemeinsamen künstlerischen Ausdruck zu finden. Es bedarf vieler Versuche, oft vergeblicher. Man braucht Mut, Kreativität und Geduld. Unsere Aufgabe war es, sich der unterschiedlichen Sozialisation der Beteiligten – im Leben wie in der Kultur – bewusst zu werden. Sich der verschiedenen Sprachen zu bedienen und die daraus resultierenden Missverständnisse nicht unter den Teppich zu kehren. Völlig klar, dass solche Herausforderungen nicht ohne Reibung ablaufen. Gemeinsames Lachen über wirre Situationen machte die Arbeit besonders wertvoll und zu einer tollen Erfahrung. Wir mussten Kommunikationswege suchen und dranbleiben. In unserer globalisierten Welt wird die Kommunikation häufig erschwert durch Unbedachtheit, Fake News und anderes. Wir müssen das ausblenden und uns aufs Wesentliche konzentrieren – ein Grund für mich, überhaupt Theater zu machen. Ich kann durch meine Darstellung auf der Bühne viele Menschen sensibilisieren: für bestimmte Themen und Situationen. Die Vorstellung einer vernetzten Theaterwelt finde ich insofern spannend, als ich mir davon eine Fülle neuer Begegnungen und einen gesteigerten Informationsaustauch erhoffe. Im besten Fall können wir Künstler unsere Energien bündeln und effektiv kanalisieren. Gerade wir Schauspieler haben unseren Beruf viel zu lange als Einzelkämpfer betrieben. Mittlerweile entsteht durchaus ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.“

Nicolás Espinoza: „Ein Ort des permanenten Konflikts“

„Es ist immer schwer, eine kreative Idee konkret auf die Bühne zu bringen. Noch schwerer ist es, wenn sich die beteiligten Personen nicht kennen, nicht im gleichen Land leben und noch nicht einmal dieselbe Sprache sprechen – so wie bei dem Stück „Not in my backyard”. Wir haben uns dafür entschieden, die existierenden Unterschiede nicht zu ignorieren, weil  sie auch vielfältige und kreative Möglichkeiten bergen und einen fruchtbaren Raum schaffen. Die Verwirrungen und Probleme waren Teil der Entstehung des Stücks. Wir haben daran gearbeitet, dass sie sich nicht zu einem Konflikt entwickeln, der uns unsere eigentliche Aufgabe vergessen lässt. Ich glaube, dass die gegenwärtigen Probleme unserer Gesellschaft größtenteils mit dem Gedanken des Eigentums verbunden sind. Wem gehören Gegenstände, Sprache, Land, Gewohnheiten, Konzepte? Das Stück und die Erfahrung, es gemeinsam zu entwickeln, waren Anlass, uns selbst zu hinterfragen. Wir mussten Strategien erarbeiten, die uns erlauben zu kommunizieren. Nicht um als Resultat das Stück zu homogenisieren, sondern um unsere eigenen Widersprüchlichkeiten und die Komplexität der Welt, in der wir leben, aufzeigen zu können.  Das Theater ist ein Ort des permanenten Konflikts. Es ist ein Raum, der sich selbst immer wieder zur Diskussion stellt. Die Infragestellung bestimmter Werte kann uns dabei helfen, uns selbst und die Welt etwas besser zu verstehen. Wir hoffen, dass das Ergebnis dieses Experiments die Zuschauer dazu anregt, die Diskussionen und das Nachdenken über Gemeinschaft weiterzuführen.”

Infokasten: Inszenierungen aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Kuba, Mexiko, und Peru sowie aus Spanien sind vom 11. bis 18. Februar 2017 zu Gast beim Theaterfestival  ¡Adelante! In Heidelberg. Das iberoamerikanische Festival blickt vor allem auf politische und gesellschaftliche Themen. Es sei „ein wichtiges kulturpolitisches Signal für grenzüberschreitendes und interkulturelles Denken und Handeln“, so Holger Schultze, Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg.

Protokolle: Petra Schönhöfer

www.adelante-festival.de

www.theaterheidelberg.de

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