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Eine inspirierende Zeit in Berlin

Mehrere Autoren aus Iran sind für einen Monat zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin und arbeiten hier an neuen Werken. Auf deutschland.de erzählen Sie von ihren Erfahrungen.

Sie schreiben über ihre Heimat Iran, aber inzwischen manchmal auch über Deutschland: Die Autorinnen Nasim Marashi, Pajand Soleymani und Nahid Tabatabai und der Autor Amir Hassan Cheheltan sind im Frühjahr 2017 für einen Monat zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und arbeiten hier an neuen Geschichten. Unterstützt wird ihr Aufenthalt vom Goethe-Institut und vom Auswärtigen Amt. Die Autoren können in Berlin nicht nur in konzentrierter Atmosphäre arbeiten und an Veranstaltungen des LCB teilnehmen, sondern kommen auch mit deutschen Autoren, Verlagen und Medien in Kontakt. Im Rahmen des Kulturprogramms „Die iranische Moderne“ gaben die Autoren in Berlin bereits Einblicke in ihre Werke und in die Literaturszene Irans. Deutschland.de hat mit drei von ihnen darüber gesprochen, warum Berlin für sie inspirierend ist, was Musik mit Sprache zu tun hat und warum Einsamkeit sehr positiv sein kann.

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Nasim Marashi, Autorin aus Teheran: „Eine der wichtigsten Geschichten dieser Tage“

Sie arbeiten hier für einen Monat im Literarischen Colloquium Berlin. Wie beeinflusst die Zeit in Deutschland Ihre Arbeit?

In Deutschland entdecke ich eine mir bisher unbekannte Welt: Ich bin hier alleine, ohne meine Familie und Freunde. Für uns Iraner ist diese Einsamkeit etwas sehr Ungewohntes, weil wir immer sehr viel Zeit mit unserer Familie verbringen. Das Alleinsein beeinflusst meine Arbeit auf sehr positive Weise, weil ich dadurch Emotionen erlebe, die ich vorher nicht kannte und die ich für meine Geschichten nutzen kann.

Was ist das Besondere am Literarischen Colloquium Berlin?

Einerseits ist das Literarische Colloquium Berlin ein sehr ruhiger Ort. Dadurch kann ich entspannt und in Ruhe schreiben. Gleichzeitig ist es ein Ort voller Energie. Du weißt, dass hinter jeder Tür jemand an seiner Geschichte arbeitet. Für mich fühlt es sich so an, als wäre die Literatur überall in diesem Haus: in den Wänden, den Tischen, der Küche. Das gibt mir unglaublich viel Energie zum Schreiben.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite an einem Projekt über Flüchtlinge. Ich möchte einen Roman über eine Familie in einem Flüchtlingslager schreiben; über Menschen, die aus dem Orient kommen und nun in der westlichen Welt leben. In Flüchtlingseinrichtungen kommen unterschiedliche Kulturen in Kontakt miteinander und werden auf sehr intensive Weise miteinander konfrontiert. Ich glaube, dass der Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen eine der wichtigsten Geschichten dieser Tage ist.

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Pajand Soleymani, Lyrikerin, Theaterautorin und Schauspielerin aus Teheran: „Berlin inspiriert mich sehr“

© Mostafa Qaheri

Welche persönliche Beziehung haben Sie zu Deutschland?

Als ich jünger war, wollte ich niemals nach Deutschland kommen. In meiner Vorstellung war es rau, kalt, industriell. Dann habe ich mich in einen Deutschen verliebt und bin nach Berlin gekommen. Und da habe ich gemerkt, wie nah ich mich den Menschen gefühlt habe. Es gab kein „die“ und „wir“ mehr. Der Besuch hat mein Bild von der deutschen Sprache völlig verändert. Früher klang sie für mich in keiner Weise melodisch. Aber als ich hier war, fühlte sie sich an wie Musik von Bach und ich dachte: Im Grunde erschaffen wir die gleichen Symphonien, nur mithilfe anderer Noten.

In Ihrer neuesten Geschichte, „Die Scherben des zerbrochenen Spiegels“, geht es um eine Krankenschwester in Deutschland. Wieso haben Sie diese Figur geschaffen?

Ich wollte eine Geschichte über ein Frau schreiben, die von der iranischen Welt fasziniert ist. Sie beschäftigt sich intensiv damit und hat sogar eine Perserkatze. Dann lernt sie einen Iraner kennen und fühlt sich von seiner Schönheit angezogen. Doch sie erkennt später Stück für Stück seine andere Seite: Eine verrückte Welt, die sie nicht näher kennenlernen möchte.

Warum haben Sie Deutschland als Schauplatz für Ihre Geschichte ausgewählt?

Ich verbinde viele positive Erlebnisse mit Berlin. Es ist eine verrückte Stadt, die voller Leidenschaft und Kunst ist. Es passiert ständig etwas und man lernt so viele unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Stilen kennen. Für mich ist das eine Art von Surrealismus in der Realität, und das inspiriert mich sehr.

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Nahid Tabatabai, Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin aus Teheran: „Eine ruhige und gleichzeitig ertragreiche Zeit“

© Studio Shafei

Verändert die Zeit im Literarischen Colloquium Berlin Ihren Arbeitsalltag?

Virgina Woolf beschreibt in ihrem Buch „Ein Zimmer für sich allein“, wie wichtig es für eine Schriftstellerin ist, völlig unabhängig vom Alltagsgeschehen Zeit und Raum zum Arbeiten zu haben. Das Literarische Colloquium Berlin ermöglicht es mir, genau so zu arbeiten.

Können Sie das noch genauer beschreiben?

Ich kann mich fern vom chaotischen Leben in Teheran auf das Schreiben konzentrieren und das ist sehr wertvoll für mich. Irgendwie fühlt es sich für mich so an wie während meiner Studienzeit – wenn man davon absieht, dass wir wegen der Revolution kein ruhiges Leben als Studenten hatten. Hier erlebe ich eine Zeit, die für mich ruhig und gleichzeitig ertragreich ist.

Gab es für Sie bestimmte Ereignisse oder Menschen, die hier für Sie besonders wichtig waren?

Ich hatte hier die Möglichkeit, mehr Zeit mit meinen iranischen Kollegen zu verbringen. Das wäre in Teheran vielleicht nicht möglich gewesen. Ich habe außerdem mit einigen persischen und deutschen Übersetzern über meine Arbeit gesprochen und hoffe, dass dies produktive Ergebnisse haben wird. Ich möchte dem Goethe-Institut und dem Literarischen Colloquium Berlin dafür danken, dass sie mir das alles ermöglicht haben. Durch den Aufenthalt habe ich einige neue Ideen bekommen und werde mit meinen beiden iranischen Kolleginnen an einer dieser Ideen weiterarbeiten.

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Interviews: Hendrik Bensch

© www.deutschland.de

 

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