Re:publica in Berlin

Unter dem Motto „Love out Loud“ wirbt die Digitalkonferenz re:publica 2017 für Grundrechte im Netz und spricht sich gegen Hasskommentare und Fake News aus. Eindrücke vom ersten Tag.

dpa - re:publica

Es ist eine bunte Welt, in die Besucher der größten deutschen Digitalkonferenz re:publica in Berlin eintauchen. Bunt nicht nur, weil das Motto „Love out Loud“ an eine Welt in Regenbogenfarben erinnert. Bunt auch wegen der vielen Facetten, die die Zukunft der Digitalisierung bereithält. Da geht es um 3D-Drucker und die Maker-Bewegung ebenso wie um virtuelle Realitäten, die Teilnehmer mit entsprechenden Brillen erkunden; um künstliche Intelligenz und die Teamarbeit mit Kollege Roboter ebenso wie um Datenschutz und autonomes Fahren. Und es wird intensiv debattiert, wenn es um die diesjährigen Hauptthemen geht: Drei Tage lang diskutieren viele der 1.180 Sprecherinnen und Sprecher aus 65 Ländern in mehr als 500 Sessions in der Station Berlin über Fake News, Presse- und Kommunikationsfreiheit, digitale Grundrechte und Offenheit in der Nutzung von Algorithmen. „Pressefreiheit ist eine Utopie, für die wir kämpfen müssen“, sagt der Journalist Can Dündar, bis vor kurzem war er Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“.

Eindrücke vom Eröffnungstag: 

Digitale Zivilcourage

„Erwachsen sind wir noch lange nicht“, unterstreicht re:publica-Mitgründerin Tanja Haeusler gleich zu Beginn ihrer Eröffnungsrede auf der elften re:publica. Die Digitalkonferenz sei auch nach all den Jahren noch jung geblieben. Immer wieder betonen die Organisatoren, dass es keine Frage des Alters sei, Verantwortung zu übernehmen. Ihr Motto „Love out Loud“ möchten sie als Aufruf zu einer digitalen Zivilcourage verstanden wissen. „Uns geht es darum, Menschen nicht allein zu lassen, die im Netz Brutalität ausgesetzt sind“, sagt re:publica-Mitgründer Johnny Haeusler. Keinen besseren Ort als Berlin, die „digitale Hauptstadt“ Deutschlands, kann sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller für die re:publica vorstellen. Berlin stehe schließlich wie keine andere Stadt für Liberalität, für Offenheit und Toleranz, für Freiheit und Internationalität. Meinungs- und Pressefreiheit seien jedoch nicht selbstverständlich, sondern Werte, „für die wir immer wieder kämpfen und uns engagieren müssen“. 

„Ein Frosch im kochenden Wasser“

Wie problematisch es sich in Ländern mit eingeschränkter Pressefreiheit arbeiten und leben lässt, wissen viele internationale Journalisten aus eigener Erfahrung. Can Dündar aus der Türkei, Martón Gergely aus Ungarn, Ramy Raoof aus Ägypten und Katarzyna Szymielewicz aus Polen schilderten eindrucksvoll ihren täglichen Kampf für Meinungs- und Pressefreiheit. „Ungarische Journalisten waren wie der Frosch in einem Topf mit Wasser, das langsam zum Kochen gebracht wird“, sagte Márton Gergely, stellvertretender Chefredakteur der eingestellten ungarischen Oppositionszeitung „Népszabadság“. Für mehr Transparenz warb Netzaktivist und Sicherheitsforscher Ramy Raoof. Er forderte das Publikum auf, Anfragen bei Regierungen zu stellen und alle Informationen im Netz zu veröffentlichen, um bedrohten Akteuren der Zivilgesellschaft in Ägypten zu helfen.

Mehr als ein Spiel

Ob Schach oder Politik: Es kommt auf die richtige Strategie an. Wie schnell politisch motivierte Strategien im Internet zu einer Bedrohung für Demokratien werden können, erläuterte der ehemalige russische Schachweltmeister Garry Kasparov. Der Putin-Kritiker warnte vor einer Manipulation durch nicht-demokratische Regierungen über das Internet und vor einer Abkehr von demokratischen Freiheiten im Westen.

Ein Versuch, nett zu sein

Er gilt als einer, an dem sich die deutsche Öffentlichkeit gerne reibt. Der Blogger und Autor Sascha Lobo ist dafür bekannt, sein Publikum zu beschimpfen. Wer am ersten Tag der re:publica genau darauf gewartet hatte, wurde allerdings enttäuscht. Nicht ein einziges böses Wort über seine Zuhörer kam ihm über die Lippen. Sascha Lobo, das hat er selbst gesagt, hat seine Meinung oder – so würde es vielleicht Garry Kasparov formulieren – seine Strategie geändert. Das hat auch mit dem Inhalt seines Vortrags zu tun. „Ausgrenzung funktioniert nicht“, sagte er im Hinblick auf die in Sozialen Medien verbreiteten Meinungen, die Hass hervorrufen, wie beispielsweise Hasskommentare gegen Flüchtlinge. Neben Gegenpositionen und „rote Linien“ sei es ebenso wichtig, mit den Autoren von Hasskommentaren das Gespräch zu suchen. „Debatten haben eine Wirkmacht“, sagte Lobo. Meinungen, die auseinandergehen, seien wichtig – solange sie mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Und so schloss er seinen Vortrag denn auch mit den vergleichsweise sanften Worten „Geht raus und diskutiert.“

Tatsächlich Liebe

„Love out Loud – was heißt das eigentlich?“, fragte die Publizistin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Carolin Emcke, in ihrem essayistischen Vortrag. Das Motto der re:publica 2017 sieht sie als „Widerstand gegen Hass, gegen einen Extremismus, der sich in der bürgerlichen Mitte weiß, und dem die Scham abhanden gekommen ist.“ Wie Hass in der Gesellschaft und in den (Sozialen) Medien gestreut wird, zeigte sie am Beispiel von Facebook-Posts und an Gerüchten, die über Flüchtlinge verbreitet werden. Emcke plädierte für eine gelebte Debattenkultur, für echte Argumente statt Parolen und am Ende vor allem für Menschlichkeit. Die Organisatoren der re:publica würden sagen: für ganz viel Liebe.

re:publica goes Europe

Die re:publica vernetzt Menschen weltweit und fordert sie zum Austausch auf. Mit der Initiative „re:connecting EUROPE“ fördern die re:publica-Gründer den Aufbau eines europaweiten Netzwerks der Kreativwirtschaft. Im Jahr 2016 fand die Digitalkonferenz daher zum ersten Mal auch in Dublin statt; 2017 reist sie nach Irland und erstmals ins griechische Thessaloniki. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts besuchen in diesem Jahr zunächst 17 Akteurinnen und Akteure der Kreativwirtschaft aus Dublin und Thessaloniki die re:publica in Berlin, um über gemeinsame Herausforderungen und Lösungen zu diskutieren, die Aktivisten, Gründer und Künstler in Europa beschäftigen.

Korallenriffe und 3D-Drucker

Eintauchen in eine unbekannte Welt: Auch das ermöglicht die re:publica ihren Besuchern. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjahr 2016/17 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) richtet die Digitalkonferenz den Track „sub:marine“ aus. Hier stehen neue Technologien rund um den Lebensraum Meer und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen im Fokus. Besonderes Highlight: Mit einer Virtual-Reality-Brille können Besucher einen virtuellen Tauchgang in ein faszinierendes Korallenriff wagen. Anfassen ist hier zwar nicht verboten, aber schlichtweg unmöglich. Greifbarer geht es da beim Stand des Fab Lab Berlin zu. In beeindruckender Präzision spucken die 3D-Drucker kleine Skulpturen und coole T-Shirts aus. 

 

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