Thema-Globalisierung_3-15

Vernetzte 
Kunst

Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) bietet mit der „Globale“ ein einzigartiges Forum des Austauschs.
von Jörg Scheller

Genau so mag manchen die Globalisierung vorkommen: wie eine Wolke, die einen bald gänzlich umhüllen wird. Gerade weil sie immer näher rückt, wird sie diffus, geraten ihre ohnehin zerfransten Konturen aus dem Blickfeld. Dass zur Eröffnung der Ausstellungs- und Eventreihe „Globale“ im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) eine künstlich erzeugte Wolke im Lichthof schwebte, war mehr als eine technische Spielerei oder ein Echo moderner Machbarkeitsfantasien. Die deutsche Energietechnikfirma Transsolar und der japanische Architekt Tetsuo Kondo hatten mit ihren „Cloudscapes“ ein Symbol des Globalen erzeugt, das gleichzeitig gänzlich konkret war. In diesem Spannungsfeld zwischen Konkretem und Symbolischem steuert die 300 Tage währende Globale ihr Ziel an: die wegweisenden, disruptiven Tendenzen des 21. Jahrhunderts auf multiperspektivische Weise erfahrbar zu machen.

Was schon die überbordenden Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts und die weit über das Kunstfeld hinausweisenden Biennalen oder Documentas des 20. Jahrhunderts kennzeichnete, treiben ZKM-Direktor Peter Weibel und sein Team auf die Spitze: Kunst und Technik, Wissen und Ästhetik, Repräsentation und Produktion bestehen weniger denn je getrennt voneinander. Das kuratorische Programm der „Globale“ sagt dem Mythos der Kunstautonomie und dem bürgerlich-kontemplativen Kunstverständnis Lebewohl. Mit klingenden Begriffen wie „Renaissance 2.0“, „Anthropozän“, „digitale Revolution“ oder „Exo-Evolution“ begibt sie sich in jene wolkigen Grenzregionen, wo Orientierungspunkte noch rar und Zuordnungen ungewiss sind. So startete etwa der Künstler HA Schult mit einem Hybridauto von Paris nach Peking und fertigte dabei getreu dem Motto „die Natur pinselt sich selbst“ seine bekannten „biokinetischen Bilder“ an. Nachzuverfolgen ist seine Reise im Ausstellungsraum ZKM_Subraum. An der Gruppenausstellung „Infosphäre“, die digitale Daten als neue Lebenswelten thematisiert, sind nicht nur Künstler wie der Japaner Ryoji Ikeda mit seinen Klang-Bild-Welten beteiligt, sondern auch der Chaos Computer Club und das Blog netzpolitik.org. Der Soziologe Bruno Latour, Mitbegründer der Akteur-Netzwerk-Theorie, kuratiert die Ausstellung „Reset Modernity!“, die die Rolle des Lokalen im Globalen beleuchten und eine multimediale Sektion beinhalten soll, in der die Besucher ihre eigenen Ideen von Modernität einspeisen können.

Verschränkung, Verkettung, Wechselseitigkeit, Hybridisierung, Technik als Kunst und Kultur oder Kunst und Kultur als Technik – das sind die zentralen Referenzpunkte der vordergründig futurologischen, tatsächlich gegenwartsdiagnos­tischen Wunderkammer der „Globale“. Indirekt führt der Ausstellungsparcours weg vom Bild des Menschen als „Individuum“ und souveräner Krone der Schöpfung, hin zum Menschen als „Dividuum“: ein gleichermaßen gestaltendes wie gestaltetes Wesen der Teilhabe. ▪

von Jörg Scheller

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