Berlin neu sehen

Stadtführung mit Hamdi Kassar: Der Syrer und weitere Flüchtlinge zeigen ihr Berlin. 

Hamdi Kassar
Anika Büssemeier

Deutschland. Früher stieg Hamdi Kassar oft auf den Qasyun-Berg am Rand von Damaskus. Dort konnte er seine Stadt von oben genießen: das Gewirr, die Moscheen, den alten Teil mit den Märkten und engen Gassen. In Berlin musste er eine Weile suchen, bis er einen ähnlichen Ort fand: den Hügel des Viktoriaparks im Stadtteil Kreuzberg.

Diesen spätsommerlich-warmen Sonntag verbringt er jedoch zunächst in Neukölln, wo er sich mit einer Gruppe von Berlinern und Hauptstadt-Besuchern in der Karl-Marx-Straße verabredet hat. „Hi, ich bin Hamdi“, begrüßt der 27-Jährige in blauem Hemd und Turnschuhen auf Englisch seine Gäste. „Ich muss euch warnen“, sagt er und rückt lachend seine Brille zurecht. „Schon meine Mutter hat immer gesagt: ‚Hamdi kann ununterbrochen reden.‘“

Die Karl-Marx-Straße erinnert mich so sehr an Damaskus.

Hamdi Kassar

Die Stadtführungen „Geflüchtete zeigen ihr Berlin“ organisiert der Verein Querstadtein, der auch Rundgänge mit Obdachlosen anbietet. Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Projekt. Bei der Führung mit Kassar erwartet niemand einen Spaziergang zu den üblichen touristischen Adressen. Er und sieben weitere Geflüchtete führen an Orte, die für sie wichtig geworden sind und die sich ihnen eingeprägt haben.

Dass die stark befahrene, von Imbissen und staubigen Baustellen gesäumte Karl-Marx-Straße für Kassar ein solcher Ort ist, mag zunächst überraschen. Doch hier spürt er die Sehnsucht nach der Heimat besonders stark – und empfindet gleichzeitig ein wenig Trost. „Das Kopfsteinpflaster, die Mischung aus alten und neuen Gebäuden: Diese Gegend erinnert mich so sehr an Damaskus“, sagt Kassar, während er in eine Seitenstraße einbiegt.

Selfies von der Flucht

Der Stadtführer erzählt den Teilnehmern auch seine persönliche Geschichte. Wie er Syrien trotz des Krieges zunächst nicht verlassen wollte, nach einem gefährlichen Erlebnis aber doch flüchtete, ohne ein konkretes Ziel, „nur in der Hoffnung auf einen friedlichen Ort“. Wie er in der Türkei in ein beängstigend überfülltes Gummiboot Richtung Griechenland stieg, unter Todesangst zu Fuß Ungarn durchquerte und im Sommer 2015 Berlin erreichte. Mehr als jeder zehnte syrische Flüchtling lebt heute in Deutschland, Kassars Familie und seine Verlobte aber sind noch in Damaskus.

Er zeigt Selfies von der Flucht: Erschöpft, aber optimistisch wirkt der junge Mann mit dem Sechs-Tage-Bart. Sein Gesicht ist den meisten Syrern vertraut. „Viele kannten mich als Moderator des Frühstücksfernsehens ‚Good Morning Damaskus‘ und als Reporter für das syrische Nationalfernsehen“, sagt der Stadtführer, inzwischen auf der Sonnenallee angekommen.

Teilnehmer aus Neukölln

Ein syrischer Imbiss, ein arabischer Supermarkt, eine Flüchtlingsunterkunft: Kassar bleibt an vielen Orten stehen und erläutert, wie wichtig die Sonnenallee für ihn und seine Landsleute sei. Geflüchtete nennen sie oft die „Arabische Straße“, denn sie ist stark von libanesischen und syrischen Geschäften geprägt.

Kassar liebt die Stadtführungen. Sie sind ihm wichtig, um Deutsche kennenzulernen und sich auszutauschen. „Wie anders ich meine Gegend dadurch sehe“, sagt eine Teilnehmerin, die selbst in Neukölln wohnt. Ihre Eltern, gerade aus Würzburg zu Besuch, hat sie zur Führung mitgebracht.

Trotz der Freude an den Stadttouren bleibt Kassar sein eigentlicher Beruf wichtig. Er arbeitet im Bundespresseamt und macht ein Praktikum in der arabischen Redaktion der Deutschen Welle. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er schon interviewt. Bis er sprachlich so sicher sei, dass er als Journalist in Deutschland arbeiten kann, werde aber noch viel Zeit vergehen.

„Einfach ist es nicht, sich in einer neuen Gesellschaft einzuleben“, sagt Kassar kurz vor dem Abschied. Das fange schon bei Essen und Getränken an. „Ich habe sogar Glühwein probiert. Aber Currywurst – das schaffe ich nicht.“

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