„Der Austausch wird bunter“

Hinfahren und die Menschen treffen: Wie das Deutsch-Israelische Jugendwerk helfen kann die Schatten der Vergangenheit zu überwinden.

Freundschaft geschlossen: Jugendliche aus Deutschland und Israel
Freundschaft geschlossen: Jugendliche aus Deutschland und Israel ConAct/Ruthe Zuntz

Unsere Welt ist digital und vernetzt. Jugendliche können über soziale Medien Kontakt mit Gleichaltrigen rund um den Globus knüpfen. Doch keine WhatsApp-Nachricht und kein Skype-Anruf ersetzt eine persönliche Begegnung. Das gilt vor allem im deutsch-israelischen Jugendaustausch. Verständnis für einander entsteht vor allem durch unmittelbare Erfahrungen im Partnerland – jenseits aller Klischees und Vorurteile.

Ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk soll künftig solche Kontakte vertiefen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu haben dessen Gründung während der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen im Oktober 2018 beschlossen. Der Deutsche Bundestag unterstützt das Vorhaben.

Schon jetzt gibt es viele Schüler- und Jugendbegegnungen zwischen Deutschland und Israel – neben politischem Dialog und wirtschaftlicher Zusammenarbeit sind sie ein wichtiger Teil der engen Beziehung zwischen beiden Ländern. Seit 2001 vermitteln das Koordinierungszentrum ConAct in Wittenberg und seine Partnerorganisation Israel Youth Exchange Authority den außerschulischen Austausch von Jugendlichen und von Fachkräften der Jugendbildung. Auf dieser Basis soll das neue Jugendwerk entstehen.

ConAct-Leiterin Christine Mähler ist zufrieden mit dem Beschluss der Regierungen. Im Interview mit deutschland.de spricht sie über die Zukunft des deutsch-israelischen Austausches und die Überwindung von Vorurteilen.

Christine Mähler
Christine Mähler ConAct/Ruthe Zuntz

Frau Mähler, was halten Sie von der Entscheidung, ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk zu gründen?
Es sind wirklich gute Neuigkeiten für den Jugendaustausch zwischen den beiden Ländern. Ein solches Jugendwerk bedeutet: mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit, mehr finanzielle Unterstützung und eine Stärkung der deutsch-israelischen Jugendbegegnung.

Was gehört zu den Aufgaben der geplanten Einrichtung?
ConAct erledigt auf deutscher Seite schon jetzt die Arbeit, die auch ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk leisten würde. Wir helfen Trägern bei der Suche nach einer passenden Partnerorganisation in Israel. Wir bieten Seminare für Gruppenleiter und -leiterinnen an und erarbeiten pädagogische Materialien. Wir fördern Begegnungsprogramme für Jugendliche und Fachkräfte der Jugendarbeit aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das wären auch die Hauptaufgaben eines Jugendwerks.

Wenn ConAct das alles schon leistet, wieso ist dann ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk nötig?
Wir glauben, dass das Jugendwerk den bilateralen Austausch stärkt. Denn unser Gegenstück auf israelischer Seite, die Israel Youth Exchange Authority, hat momentan nicht die Mittel und Möglichkeiten, um ähnlich arbeiten zu können wie wir. Mit mehr bilateraler Unterstützung könnten wir mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen, mehr Träger und neue Zielgruppen erreichen.

Ich bin der Überzeugung, dass Jugendaustausch Vorurteile gegenüber Juden und Israel abbaut.

ConAct-Leiterin Christine Mähler über ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk

Wieso ist der Austausch zwischen jungen Menschen wichtig?
Jugend bedeutet Zukunft. Sie wird künftig das Leben in unseren Gesellschaften gestalten. Wenn man etwas verändern will, muss man junge Menschen erreichen. Am besten in einem Alter, in dem sie ihre Meinung und Identität bilden und ihre Wahrnehmung geschärft ist. Durch den Austausch beschäftigen sich Jugendliche früh mit Fragen wie: Wer bin ich als Deutscher?, Wer bin ich als Israeli?, Was verbindet uns? und Was lernen wir aus unserer Vergangenheit?

Lässt sich Antisemitismus durch Jugendaustausch bekämpfen?
Wir haben in Deutschland oft mit unbewussten Vorurteilen und falschen Bildern gegenüber Juden und Israel zu kämpfen. Ich bin der Überzeugung, dass ein Austausch diese vorgefertigten Meinungen abbaut. Wenn junge Menschen nach Israel reisen, erfahren sie, wie die Menschen dort leben, wie deren Alltag aussieht und wie gleich oder unterschiedlich er zu ihrem eigenen ist. Dann entstehen komplexe Fragen statt einfacher, negativer Antworten.

Profitieren also vor allem Deutsche von dem Austausch?
Es hat auch einen Mehrwert für junge Israelis aus erster Hand zu sehen, wie das heutige Deutschland aussieht. Mehr als 70 Jahre nach der Geschichte, in deren Schatten wir alle leben. Auch sie werden Dinge sehen und erfahren, die anders sind, als das, was sie vorher über Deutschland wussten. Ich glaube, dass beide Seiten Interesse an einer unmittelbaren Begegnung haben.

Welches Thema wird den deutsch-israelischen Austausch in den nächsten Jahren prägen?
Die Vielfalt. In beiden Gesellschaften gibt es viele verschiedene Identitäten, Kulturen, Nationalitäten und Religionen. Dafür wollen wir das Bewusstsein der Teilnehmer und Teilnehmerinnen schärfen.

Wir haben seit 2015 einen Themenschwerpunkt auf „Living Diversity in Germany and Israel“ gelegt. Wir müssen auch verstärkt versuchen, an Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten heranzukommen. Dadurch wird der Austausch breit und bunt. Das ist auch ein wichtiger Auftrag für ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk.

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