Imam werden in Deutschland

Sie sollen die Integration fördern: Am Islamkolleg Osnabrück werden seit 2021 erstmals Imame in Deutschland ausgebildet.

 Imame werden jetzt auch in Deutschland ausgebildet
Imame werden jetzt auch in Deutschland ausgebildet picture alliance / AA

Das Projekt sei ein „Meilenstein“ für den Islam in Deutschland, da sind sich deutsche Politiker sicher. Eigentlich sollte die Ausbildung am Islamkolleg Osnabrück bereits im April 2020 beginnen, doch die Corona-Pandemie hat den Start verzögert. Am 15. Juni 2021 konnte die Ausbildung von Moschee-Personal jedoch starten.

Am Islamkolleg sollen pro Jahrgang rund 35 Männer und Frauen in sieben Fachbereichen theoretisch und praktisch geschult werden. Auf dem Lehrplan stehen Predigtlehre, Koranrezitation, Seelsorge, politische Bildung, gottesdienstliche Praktiken, Gemeindepädagogik und soziale Arbeit. So sollen die Absolventinnen und Absolventen befähigt werden, als Imame in Moscheen zu arbeiten, aber beispielsweise auch als Seelsorgerinnen und Seelsorger in Krankenhäusern oder Gefängnissen.

Kostenlose Ausbildung

Bewerben kann sich, wer einen Abschluss in islamischer Theologie vorweisen kann – idealerweise von einer deutschen Universität, aber auch Abschlüsse aus dem Ausland können anerkannt werden. Das Kolleg will aber auch Personen ohne theologischen Abschluss aufnehmen, die bereits in muslimischen Gemeinden arbeiten.

Die Ausbildung ist kostenlos. Finanziert wird sie vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium und vor allem vom Bundesinnenministerium. Es stellt den größten Teil des Jahresbudgets von rund einer Million Euro. Bewilligt wurde es zunächst für fünf Jahre. So solle das Kolleg zu einem Islam „in, aus und für Deutschland“ beitragen, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer.

Imame aus dem Inland fördern

Bislang wurden in Deutschland tätige Imame vor allem im Ausland ausgebildet. Das führt dazu, dass sie sich oft nur unzureichend mit der Lebenswirklichkeit von Muslimen in Deutschland auskennen.

Wir brauchen in Deutschland Imame, die idealerweise hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind.

Bülent Uçar

Diese ausländische Prägung deutscher Moscheen soll sich durch die Ausbildung in Deutschland nach und nach verringern. „Wir brauchen in Deutschland Imame, die idealerweise hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind“, sagt auch Bülent Uçar, Wissenschaftlicher Direktor des Islamkollegs Deutschland. Diese Imame sollten „sowohl auf die Bedarfe in den muslimischen Gemeinden eingehen, wie auch Brücken in die Mehrheitsgesellschaft bauen können“, betont Uçar.

Deradikalisierung und Extremismusprävention

Die zukünftige Imame sollen auch zu Deradikalisierung und Extremismusprävention beitragen. Imame, die selbst im Ausland aufgewachsen sind, würden oft nicht so gut nachvollziehen können, was junge deutsche Musliminnen und Muslime bewege, sagt Yasemin El-Menouar, Religionsexpertin der Bertelsmann Stiftung und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Islamkollegs. Wer jedoch in Moscheegemeinden keine Anknüpfungspunkte finde, so El-Menouar weiter, der gerate womöglich im Internet an Extremisten. Das soll das Islamkolleg verhindern und so auch zum „inneren Frieden unserer Gesellschaft“ beitragen, sagt Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

Das Islamkolleg Deutschland wurde im Jahr 2019 als Verein gegründet. Hintergrund ist, dass es an mehreren deutschen Universitäten bereits seit dem Jahr 2011 Lehrstühle für Islamische Theologie gibt, der praktische Teil einer Imam- oder Seelsorge-Ausbildung in Deutschland jedoch bislang fehlte. Diese Lücke soll das Islamkolleg nun schließen. Bislang sind fünf Organisationen daran beteiligt: der Zentralrat der Muslime, der Zentralrat der Marokkaner, das Bündnis Malikitischer Gemeinden, die islamische Gemeinschaft der Bosniaken und der Verband Muslime in Niedersachsen.

Konkurrenz durch größere Islamverbände

Diese fünf Verbände gehören allerdings eher zu den kleineren islamischen Organisationen in Deutschland. Die mitgliederstärksten Islamverbände sind nicht an dem Kolleg beteiligt. Stattdessen haben einige von ihnen – darunter die türkisch geprägten Organisationen Ditib und Milli Görüs – in den vergangenen Jahren jeweils eigene Ausbildungsgänge in Deutschland aufgebaut. Bülent Uçar, der an der Universität Osnabrück auch Professor für Islamische Theologie und Religionspädagogik ist, betont jedoch, dass das von ihm geleitete Islamkolleg bislang die einzige Einrichtung in Deutschland sei, die verbandsunabhängig, ausschließlich in deutscher Sprache und in Kooperation mit einer deutschen Universität ausbilde.

Vertreter einiger Islamverbände, die nicht am Kolleg beteiligt sind, kritisierten, dass sich der deutsche Staat mit der Finanzierung des Osnabrücker Kollegs zu stark in die Moscheegemeinden einmische. Das Kolleg und das Bundesinnenministerium weisen diese Kritik jedoch zurück. Das Ministerium finanziere das Kolleg zwar, nehme aber keinerlei Einfluss auf die Ausbildungsinhalte.

Dennoch könnte es für die Absolventinnen und Absolventen des Islamkollegs Deutschland zum Problem werden, dass nur fünf kleinere Verbände daran beteiligt sind. Denn dass die vom Kolleg ausgebildeten Frauen und Männer flächendeckend Jobs in deutschen Moschee bekommen, gilt auch bei den Beteiligten bislang als unwahrscheinlich. So mag das Kolleg ein Meilenstein sein, alle Steine für den Erfolg einer unabhängigen deutschen Imamausbildung wurden aber noch nicht aus dem Weg geräumt.

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