Von Sophie bis Shtisel

Bei „Meet a Jew“ können Interessierte jüdische Gesprächspartner zu ihrem Leben in Deutschland, ihrer Religion und Kultur ausfragen.

Bei „Meet a Jew“ wird miteinander gesprochen, nicht übereinander.
Bei „Meet a Jew“ wird miteinander gesprochen, nicht übereinander. Sarah Cohen Fantl

Kippa, Schläfenlocken und ein langer Bart – dies sind für viele die ersten Assoziationen mit dem Wort Jude. Dazu gesellen sich noch Stichworte wie Israel und Religion. Im Alltag gibt es für viele Menschen in Deutschland vermeintlich wenig Berührungspunkte mit dem jüdischen Leben. Genau hier setzt das Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden in Deutschland „Meet a Jew“ an, das von dem  Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Kinder gefördert wird. Das Ziel: Persönliche Begegnungen und Austausch zwischen Juden und Nicht-Juden schaffen, um das facettenreiche jüdische Leben in Deutschland sichtbarer zu machen. 

Bei einem der über 300 Treffen im Jahr 2021 – in Präsenz und wegen der Corona-Einschränkungen auch online – stellen sich die Jüdinnen Sophie und Franzi den Fragen der Teilnehmenden, an diesem Abend Mitgliedern der Johanniter Jugend, dem Jugendverband der Johanniter-Unfall-Hilfe. Die Jugendgruppenleiterin Runa ist durch einen Podcast auf die Initiative gestoßen und war sofort interessiert: „Wir kennen Jüdinnen und Juden aus dem Schulunterricht in Verbindung mit dem Holocaust, aber das moderne Judentum, darüber wissen wir nicht viel.“ Antisemitismus sei leider immer noch ein großes Thema in der Gesellschaft und es sei wichtig, sich dafür zu sensibilisieren, sagt sie.

Stereotype im Ursprung bekämpfen

Um das Eis zu brechen, stellen sich alle Beteiligten kurz vor, danach sollen die Teilnehmenden ihre erste Assoziation mit dem Wort Judentum benennen, die dann von Sophie und Franzi aus einer persönlichen Perspektive aufgegriffen werden. Daraus ergeben sich Dutzende Fragen, die immer mal wieder mit einer unterschwelligen Schüchternheit gestellt, aber mit offenen Antworten belohnt werden. Mascha Schmerling, eine der drei Projekt-Koordinatorinnen von „Meet a Jew“, nannte zu Beginn eine wichtige Regel für das Gespräch: „Alles darf gefragt werden.“ Das sei wichtig, damit sie eben auch mit eventuellen Vorurteilen aufräumen und Stellung dazu nehmen können. „Niemand wird mit Vorurteilen geboren, daher ist es wichtig, aufkeimende Stereotype direkt im Ursprung zu bekämpfen. Aus diesem Grund treffen wir uns unter anderem mit Schulklassen, Firmen und Sportvereinen“, erklärt Mascha Schmerling.

Wichtig bei den Treffen: Es gibt immer zwei Gesprächspartner von Meet a Jew, die geschult werden, um inhaltliche Fragen zum Judentum rund um Feiertage und Regeln beantworten zu können, die aber auf der anderen Seite aus einer persönlichen Perspektive über ihr individuelles jüdisches Leben sprechen. „Es ist uns wichtig, klar zu machen, dass nicht alle Juden gleich sind und dass auch nicht alle Juden religiös sind“, sagt Schmerling. 

Das breite Spektrum des Judentums vermitteln

So auch bei diesem Treffen: Sophie ist mit einer jüdischen Mutter und einem katholischen Vater aufgewachsen, hat sowohl Chanukka als auch Weihnachten gefeiert und im Alltag wenig Bezug zur Religion. Franzi wiederum hatte jüdische Vorfahren und ist als Erwachsene konvertiert. Sie lebt ein modernes religiöses Leben mit koscherer Küche und Synagogenbesuchen am Shabbat. Dieser Kontrast und diese Vielfalt wecken das Interesse der Jugendgruppe. Sie fragen zum koscheren Essen, ob man aus dem Judentum austreten oder halbjüdisch sein kann, welche Traditionen Juden leben und wollen mehr wissen über die israelische Serie „Shtisel“, die sich um das ultraorthodoxe Judentum dreht. „Ich befinde mich irgendwo zwischen Shtisel und Sophie“, sagt Franzi und bringt damit das breite Spektrum des Judentums auf den Punkt.

Ich möchte zu einer toleranteren Gesellschaft beitragen.

Sophie von „Meet a Jew“

Der große „Elefant“ im Raum wird lange nicht direkt angesprochen, bis einer aus der Gruppe die Frage stellt, die bei keinem Treffen fehlen darf: „Habt ihr denn auch schon mal Antisemitismus erlebt?“ Die Antwort von Franzi und Sophie: Ja. Sophie sagt: „Die meisten Jüdinnen und Juden haben schon mal Antisemitismus erlebt. In der Kindheit bekommt viele suggeriert, dass sie ,anders‘ sind, deshalb ist es so wichtig, schon Kindern und Jugendlichen beizubringen, offen zu sein und sich mit Betroffenen zu solidarisieren.“ Auch das ist für die beiden Ansporn, bei „Meet a Jew” mitzumachen: „Ich möchte zeigen, dass es jüdisches Leben in ganz Deutschland gibt“, sagt Franzi. Und Sophie: „Ich möchte zu einer toleranteren Gesellschaft beitragen und das abstrakte Bild um das Wort Jude aufbrechen.“ 

Johanniter-Gruppenleiterin Runa ist nach den knapp zwei Stunden begeistert: „Ich hatte große Erwartungen an diese Begegnung und die wurden sogar noch übertroffen. Ich hoffe, dass auch andere Leiterinnen und Leiter so ein Treffen mit ihren Jugendgruppen initiieren.“ Auch die anderen Teilnehmer sind positiv überrascht: „Ich hatte keine Ahnung, wie vielfältig jüdisches Leben ist und habe einen richtig tollen Einblick bekommen“, sagt Marie. Und Teilnehmerin Pauline ergänzt: „Ich wusste wenig über das Judentum, aber dieses Treffen hat mir die Möglichkeit gegeben, alle meine neugierigen Fragen zu stellen.“

 © www.deutschland.de