Perspektivwechsel inklusive

Bei diesem deutsch-israelischen Schüleraustausch geht es um kontroverse Themen wie Migration und Homosexualität – vor allem aber um Begegnung.

Highlight für die Schüler: Kamelreiten an der ägyptischen Grenze
Highlight für die Schüler: Kamelreiten an der ägyptischen Grenze Margaretha-Rothe-Gymnasium

Wenn Deutsche bei einem Schüleraustausch privat unterkommen, denken sie meist an ein  Reihenhäuschen im französischen Avignon oder eine Stadtwohnung in Dublin – nicht aber an eine Militärbasis in der Nähe von Beer Sheva in Israel. Dort, 40 Kilometer entfernt von Gaza in den Palästinensischen Gebieten, hat die 17-jährige Laurena aus Hamburg im März ein paar Tage bei ihrer Gastfamilie gelebt. „Es gab Sicherheitskontrollen und Besucher mussten angemeldet werden. Sonst  war der Alltag aber ganz normal. Ich hatte eine nette Familie, die mich herzlich aufnahm“, erzählt die Schülerin des Margaretha-Rothe-Gymnasiums in Hamburg.

Sie interessiere sich schon lange für Israel, erzählt Laurena, lese viel über die Kultur und die politische Lage. Mit dem deutsch-israelischen Austauschprogramm zwischen ihrer Schule und der Neta Erez Waldorf School in Beer Sheva hatte sie die Chance, sich selbst ein Bild zu machen. „Wir haben Jerusalem besucht, eine Nacht gemeinsam in einem Kibbuz verbracht und einen Ausflug zum Toten Meer gemacht. Ich habe das Gefühl, das Land und die Menschen nun besser zu verstehen“, sagt Laurena.

Israel-Bild und Realität

Ihrem Klassenkameraden Leon ging es ähnlich. Sein Bild von Israel war vor allem durch Berichte in den deutschen Medien geprägt. Seine Vorstellung: Die Menschen im Land sind sehr religiös und konservativ. Zum Teil habe sich das auch bestätigt, anderes hat Leon überrascht. „Die regionalen Unterschiede waren groß. In Tel Aviv haben wir Regenbogenfahnen in Cafés gesehen und sehr liberale Menschen getroffen, in anderen Region gab es eher konservative Einstellungen, aber das ist bei uns in Deutschland ja auch oft so“, erzählt Leon. Am meisten habe er den direkten Austausch mit Gleichaltrigen genossen. Sein Gastbruder hat ihn mit zu seinen Freunden genommen und gemeinsam einen entspannten Abend verbracht. Es sei überraschend gewesen – „aber irgendwie auch wieder nicht“ – dass sie sich im Grunde doch alle sehr ähnlich waren. Jugendliche mit ähnlichen Problemen und Interessen.

Ausgezeichnetes Austauschprogramm

Mit dieser Wahrnehmung ist Leon nicht alleine. „Jedes Jahr höre ich das nach unserer Israel-Reise: Die Unterschiede zwischen uns sind nicht groß: Wir hören die gleiche Musik, haben die gleichen Interessen und verbringen gerne Zeit mit unseren Freunden“, sagt Axel Schlüter. Der Lehrer organisiert seit 2015 auf deutscher Seite das Austauschprogramm. 15 bis 20 Jugendliche seiner Schule gehen jedes Frühjahr nach Israel. Im Sommer folgt dann der Gegenbesuch der jungen Israelis.

Während des Austausches bearbeiten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam ein aktuelles Thema, das in beiden Ländern kontrovers diskutiert wird: Migration, die israelisch-deutsche Vergangenheit oder in diesem Jahr Homosexualität. 2016 wurde das Programm für seinen Beitrag zur Verständigung zwischen jungen Menschen in Deutschland und Israel sogar mit dem SchülerAustausch-Preis der gemeinnützigen Deutschen Stiftung Völkerverständigung ausgezeichnet.

Trotzdem hätten zu Beginn die deutschen Eltern  Vorbehalte bezüglich der Sicherheitslage gehabt, erzählt Schlüter. Mittlerweile seien die meisten aber sehr offen für das Programm. „Die Schüler nehmen das sowieso immer ganz gelassen und finden es spannend, ein Land kennenzulernen, das bei vielen deutschen Jugendlichen nicht immer ganz oben auf der ,Bucket-List‘steht.“

Im Fokus steht die Begegnung

Was den Austausch zwischen den beiden Schulen so besonders macht, sei das gemeinsame Projekt. Die deutschen und israelischen Jugendlichen erstellen 2019 einen gemeinsamen Podcast zum Thema „Understanding and accepting sexual diversity“. Sie befragen andere Schüler und führen Experteninterviews. Auch Yehonatan Dvir, Schulleiter der Neta Erez Waldorf School und Mitorganisator des Austausches, hält diese Zusammenarbeit für sehr wertvoll. Fast noch wichtiger sei aber die ganz normale Begegnung: „die Momente zwischen Führung durch die Elbphilharmonie und Podcast-Aufzeichnung: miteinander Busfahren, Abendbrot essen im Kibbuz, einfach Jugendliche sein“.

Die Vergangenheit diskutieren

Durch den Austausch erhofft er sich für seine Schüler eine neue Perspektive auf die Welt und ihr eigenes Land: „Die israelischen Schüler gehen gleich nach dem Abschluss für mehrere Jahre zum Militär. Ich glaube, es ist wichtig, dass sie vorher noch einmal eine andere Kultur kennenlernen und die Welt durch neue Augen sehen“, sagt der Schulleiter. Die Jugendlichen sprechen untereinander offen über alle Themen, auch über die Vergangenheit der beiden Länder. Sie hätten aber Distanz dazu, sehen, dass das andere Land mehr ausmacht als die Geschichte und sie trotzdem vieles verbindet. „Es ist jedes Jahr sehr bewegend: In den ersten Tagen des Kennenlernens sitzen immer alle deutschen Schüler beim Essen links und alle israelischen Schüler rechts – am letzten Tag ist es wild gemischt. Beim Abschied fließen dann auch mal Tränen.“

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