Waels Traum

Vor sechs Jahren flüchtete Wael Shueb aus Syrien nach Deutschland. Jetzt nimmt er an den Olympischen Spielen in Tokio teil.  

Der Karateka Wael Shueb
Der Karateka Wael Shueb DKV / Brigitte Kraußer

„Ich lebe gerade einen Traum“, sagt Wael Shueb. Denn sechs Jahre nach seiner Flucht aus Syrien nach Deutschland befindet sich der 33-Jährige nun im Olympischen Dorf in Tokio. Am Freitag, den 6. August, steigt er auf die Matte im Karate-Wettbewerb. Shueb ist vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für das Flüchtlingsteam nominiert worden. Gemeinsam mit 28 anderen Athleten – davon sechs, die in Deutschland leben und trainieren – ist der Syrer bei der Eröffnungsfeier ins Stadion einmarschiert.

In Japan dabei zu sein, Heimat der Kampfsportart Karate, ist der Höhepunkt von Waels Traumreise. „Ich fühle mich sehr geehrt. Ich mache gerade etwas, wovon ich mein ganzes Leben lang erzählen kann“, sagt er. Shueb tritt an in der Disziplin Kata, wo nicht gegeneinander gekämpft, sondern in möglichst perfekt choreographierten Bewegungen ein imaginärer Kampf ausgetragen wird. „Ich bin hier, um zu gewinnen. Gewinnen bedeutet für mich aber nicht unbedingt, eine Medaille zu holen, sondern durch meine Geschichte eine Botschaft zu präsentieren. Auch das bedeutet Gewinnen für mich“, sagt Shueb.

Shuebs Geschichte taugt als Musterbeispiel dafür, was der Sport bewegen kann. Was dank engagierter Kräfte, die Starthilfe geben und den Weg begleiten, möglich ist. Wie aus einem  verzweifelt geflohenen Mensch ein selbstbewusster Mann wird, der sich integriert und als Athlet zu den Olympischen Spielen reist.

Auch sein Trainer kam als Flüchtling

Nachdem Wael mit der ersten großen Flüchtlingswelle 2015 nach Deutschland kam, landete er über Umwege in dem kleinen Städtchen Neu-Anspach im Taunus. Weil er in Syrien mal zum Karate-Nationalkader gehört hatte, wurde Erko Kalac auf ihn aufmerksam. Der Montenegriner, einst selbst erfolgreicher Karatekämpfer und Kickboxer, kam während der Wirren des Jugoslawien-Krieges ebenfalls als Flüchtling nach Deutschland. Kalac ist Gründer des für seine Integrationsarbeit schon mehrfach ausgezeichneten Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus Eppertshausen. Er besorgte Shueb in Südhessen eine Unterkunft und vermittelte einen Ausbildungsplatz in einem Fitnessstudio.

Als Karatetrainer für Kinder und Erwachsene ist Shueb bis heute im Verein tätig, dazu gibt er via Youtube auch Unterricht in privaten Onlinekursen. Und daneben war natürlich viel Training nötig, um sich selbst in Topform zu bringen. „Ich bin der beste Athlet, der ich jemals war“, sagt Shueb voller Überzeugung. „Ich kann sagen, dass ich in meiner Zeit in Deutschland jeden Tag mein Bestes gegeben habe und alle Möglichkeiten genutzt habe, um auf dieses Niveau zu kommen.“ Als Athlet, aber auch als Persönlichkeit mit seiner eigenen Geschichte.

Manchmal wird aber Shuebs Kämpferherz erschüttert. Wenn mal wieder der Kontakt zu seinem in Syrien verbliebenden Vater abreißt. Oder er sich große Sorgen um seine Schwester macht, deren Mann im Krieg getötet wurde und die mit ihren fünf Kindern nur schwer über die Runden kommt. Shueb hat viele Hürden und Hindernisse überwunden. Er war entkräftet, als er als Flüchtling ankam und hat danach alle seine Kräfte zusammengenommen, hat von der Kraft des Sports profitiert – und realisiert nun seinen persönlichen Traum.
 

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