„Berlin ist für viele Polinnen und Polen eine zweite Heimat“
Die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial über Migration, blinde Flecken der Deutschen und die besondere Rolle der Polen im Ukrainekrieg.
Von Berlin ist es nur ein Katzensprung bis zur polnischen Grenze. Auch im Herzen der Hauptstadt ist Polen nah: Rund 62.000 Menschen mit polnischer Staatsbürgerschaft leben hier. Sie sind die größte Einwandergruppe aus einem EU-Land. Katarina Niewiedzial ist seit 2019 Integrationsbeauftragte des Berliner Senats und zugleich Poloniabeauftragte.
Frau Niewiedzial, warum kommen so viele Polinnen und Polen nach Berlin?
Die Gründe für die Zuwanderung aus Polen nach Berlin sind sehr vielfältig. Der Journalist Jacek Tyblewski hat mal gesagt: „Für die einen bedeutet Berlin Liebe, Karriere und Kunst. Für die anderen ist Berlin Suff, Dreck und Verachtung.“ Manche kommen wegen der Liebe oder um hier zu arbeiten. Andere haben keinen Plan und sagen sich: „Ach, ich versuch’s mal in Berlin.“ Dann stranden sie hier und haben als polnische Staatsbürger keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Aber wir helfen polnischen Obdachlosen genauso wie High Potentials aus Warschau, die auf die Anerkennung ihrer Abschlüsse warten.
Worum geht es Ihnen in Ihrer Arbeit genau?
Mein Blick richtet sich besonders auf die jüngeren Zuwanderungsbewegungen aus Polen und auf die integrationspolitische Frage, wie Ankommen nicht nur organisatorisch, sondern auch gesellschaftlich gelingen kann. Mein Ziel ist ein Verständnis von Integration, das nicht Anpassung meint, sondern wechselseitige Öffnung, gesellschaftliche Mitgestaltung und ein gemeinsames europäisches Miteinander. Gerade die erste Zeit nach der Ankunft ist prägend dafür, ob Menschen sich in Deutschland willkommen, orientiert und gesellschaftlich angenommen fühlen.
Was bieten Sie konkret an?
Ein Herzensprojekt ist für mich das neue digitale Willkommenszentrum, das vor zwei Wochen online gegangen ist. Dort bündeln wir Informationen, Beratungsangebote und praktische Hilfen an einem zentralen Ort. Das soll Neuberlinerinnen und Neuberlinern helfen, sich schneller zurechtzufinden, Kontakte zu knüpfen und im Alltag anzukommen.
Sie sind selbst aus Polen eingewandert. Wie haben Sie diese erste Zeit erlebt?
Meine Familie und ich sind in der Zeit des Umbruchs in Deutschland und Polen 1990 nach Deutschland gekommen. Ich war damals zwölf Jahre alt. Ich
erinnere mich noch an die großen Hallen im Grenzdurchgangslager Osnabrück-Bramsche. Kurz darauf zogen wir nach Bremerhaven in ein migrantisches Viertel. Deshalb ist mein Bild von Deutschland von Beginn an sehr multikulturell geprägt.
Was zeichnet viele Menschen aus, die aus Polen nach Deutschland kommen?
Sie bringen vielfach ein hohes Maß an Eigeninitiative mit. Viele bewegen sich selbstverständlich zwischen beiden Ländern, Sprachen und Kulturen und verfügen dadurch über interkulturelle Kompetenzen. Wie wichtig diese Netzwerke sind, hat sich besonders nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine gezeigt: Polnische Organisationen in Deutschland waren hervorragend vernetzt und konnten der Berliner Verwaltung schnell helfen, Kontakte zu humanitären Organisationen in Polen herzustellen und Unterstützungsstrukturen aufzubauen.
Polen ist in Berlin heute viel sichtbarer als früher. Lernen sich Deutsche und Polen dadurch besser kennen?
Es gibt heute viele Polenfans. Manche erzählen mir überrascht, wie modern und lebenswert Polen sei. Gleichzeitig erschreckt mich, dass viele Deutsche noch nie dort waren. Gerade jetzt wären mehr gegenseitige Kontakte wichtig. Ich höre häufiger von antislawischen Vorurteilen in Deutschland und antideutscher Stimmung in Polen. Mein Wunsch wäre deshalb, dass alle Beschäftigten der Berliner Verwaltung beruflich oder privat wenigstens einmal nach Polen fahren. Einfach, um die Nachbarn kennenzulernen.
Zur Person: Katarina Niewiedzial
Katarina Niewiedzial wurde 1977 im polnischen Zgorzelec geboren und kam 1990 nach Deutschland. Seit 2019 ist sie die Beauftragte des Berliner Senats für Partizipation, Integration und Migration und zugleich Ansprechpartnerin für die Polonia in Berlin. Sie ist die erste Integrationsbeauftragte Berlins mit polnischen Wurzeln und damit eigener Migrationserfahrung.