„Manche nennen Frankfurt und Słubice schon Slubfurt“
Zwei Länder, zwei Rechtssysteme, drei Abschlüsse: Jurastudent Jakub Małolepszy berichtet über das deutsch-polnische Studium und seine Karrierechancen in Europa.
Jeden Morgen macht sich Jakub Małolepszy auf den Weg zur Vorlesung und überquert dabei ganz nebenbei eine Landesgrenze. Von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) in Deutschland läuft der Jurastudent über die Oderbrücke zum Collegium Polonicum in Słubice in Polen. Nicht einmal 800 Meter ist der Weg lang, nach einer Viertelstunde sitzt er im Hörsaal. Für Jakub ist das Routine. Er studiert Jura in zwei Ländern gleichzeitig.
Herr Małolepszy, Sie studieren sowohl deutsches als auch polnisches Recht. Was lernen Sie dabei über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Länder?
Die Unterschiede sind gar nicht so groß. In vielen Bereichen sind sich die beiden Rechtssysteme sehr ähnlich, weil sich Polen teilweise am deutschen Recht orientiert hat. Außerdem spielt das europäische Recht eine wichtige Rolle und sorgt für zusätzliche Gemeinsamkeiten.
Wie funktioniert das Studium an der Europa-Universität konkret?
Es ist so aufgebaut, dass wir oft einzelne Rechtsgebiete zunächst nur für ein Land lernen. In den ersten beiden Semestern haben wir uns zum Beispiel unter anderem mit dem deutschen Zivilrecht beschäftigt, das eine lange Tradition hat. Als später das polnische Zivilrecht dazukam, konnte ich vieles schneller verstehen, weil sich einige Prinzipien ähneln. Dieser Perspektivwechsel hat mir sehr geholfen, die Details besser zu durchdringen.
In welcher Sprache finden denn die Veranstaltungen statt?
Die deutschen Kurse finden auf Deutsch statt und analog die polnischen auf Polnisch, deshalb brauchen Studierende mit polnischem Abitur mindestens ein C1-Zertifikat. Ich habe das Zertifikat parallel zu meinem Abitur gemacht, weil mein Lyzeum in Breslau ein deutsch-polnisches Programm hatte.
Merkt man denn in Frankfurt oder in Słubice, ob man gerade in Deutschland oder in Polen ist?
Ich würde sagen, das merkt man nicht mehr. Die Städte sind so zusammengewachsen, dass manche schon Słubfurt sagen. Man kann überall mit Euro zahlen und das Pendeln über die Grenze gehört zum Alltag. Ich habe mir zum Beispiel bewusst in Frankfurt eine Wohnung gesucht, weil ich mein Deutsch noch weiter verbessern wollte. Aber mit Freunden treffe ich mich meistens in der polnischen Mensa, weil das Essen da besser ist.
Warum brauchen Deutschland und Polen aus Ihrer Sicht mehr junge Menschen, die beide Systeme verstehen?
Deutschland und Polen sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Um Projekte über die Grenze hinweg erfolgreich zu führen, reicht es aber nicht, nur die Sprache zu beherrschen. Man muss auch ein Gefühl dafür haben, wie die Dinge im anderen Land in der Praxis laufen. Wer versteht, wie Behörden und Unternehmen dort funktionieren, vermeidet Missverständnisse und bringt Projekte deutlich schneller voraus.
Sie können später in Deutschland oder Polen als Jurist arbeiten. Wo zieht es Sie hin?
Ich bin noch unsicher, weil ich beide Wege spannend finde. Meine Masterarbeit schreibe ich zu einem rechtsvergleichenden Thema, aktuell mache ich ein Praktikum in einer Kanzlei in Breslau. Dort betreuen wir viele deutsche Unternehmen mit Niederlassungen in Polen. Auf diese Arbeit hat mich das Studium gut vorbereitet. Auch unser Managing Partner, Herr Rechtsanwalt Maciej Szermach, hat das Deutsch-Polnische Jurastudium absolviert. Das Alumni-Netzwerk ist in beiden Ländern stark, auch weil der Studiengang in Frankfurt und Słubice klein und familiär ist. Man kennt sich und unterstützt sich später im Beruf.
Zur Person
Jakub Małolepszy (Jahrgang 2003) studiert im 8. Semester und schreibt seine Masterarbeit für das Deutsch-polnische Jurastudium. Der Studiengang ist eine Kooperation der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) mit der Adam Mickiewicz-Universität Poznań. In fünf Jahren können Studierende drei Abschlüsse erwerben: den deutschen Bachelor- und Masterabschluss sowie den polnischen Magistertitel.
Europa-Universität Viadrina
Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) wurde 1991 neu gegründet und knüpft an eine Tradition von 1506 an. Rund 6.000 Studierende aus mehr als 100 Ländern sind hier eingeschrieben. Ihr Profil: international, europäisch, grenzüberschreitend. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Collegium Polonicum im polnischen Słubice ist die deutsch-polnische Perspektive fest im Studium verankert.