Auf dem Weg zu mehr Sichtbarkeit

Mehr als eine Million Schwarze Menschen leben in Deutschland. Wie sieht ihr Alltag aus? Ein Forschungsprojekt erhebt erstmals Daten.

Afrozensus
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„Keine Gesellschaft setzt sich gerne mit dem eigenen Rassismus auseinander“ – davon ist Aminata Touré überzeugt. Die 27 Jahre alte Politikerin hat malische Eltern und sitzt als einzige Afro-Deutsche im Landtag von Schleswig-Holstein. Sie kämpft entschlossen gegen Rassismus in Deutschland, und sie weiß, dass bei diesem Thema vor allem mehr Bereitschaft nötig ist, einander zuzuhören: „Dieses Thema geht nicht nur Minderheiten etwas an.“ Doch wie die Lebensrealitäten der rund eine Million Schwarzen Menschen tatsächlich aussehen, weiß kaum jemand außerhalb der Community so genau – es gab in Deutschland bisher keine quantitativen Daten darüber.

Wir wollen die Schwarzen Communities sichtbar machen und ihren Alltag zeigen.

Teresa Bremberger, Projektleiterin

Genau das will der sogenannte Afrozensus ändern. Finanziert wird die Erhebung von der  Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit knapp 150.000 Euro. Der Verein „Each one teach one“ (EOTO) hat im Sommer 2020 eine Umfrage organisiert, an der Schwarze Menschen in Deutschland teilnehmen konnten. Das Ziel: „Wir wollen die Schwarzen Communities sichtbar machen und ihren Alltag zeigen. Dafür brauchen wir Daten, die wir mit dem Afrozensus zum ersten Mal überhaupt erheben“, erläutert Projektleiterin Teresa Bremberger.

Erhebungen gab es bisher nur zu Menschen mit Migrationshintergrund. „Dieser Begriff ist aber viel zu schwammig“, findet Teresa Bremberger. „Auch die weiße Frau mit weißem schwedischem Vater hat einen Migrationshintergrund – ist aber keinem Rassismus ausgesetzt“, so Bremberger.

Daten zum Leben Schwarzer Menschen in Deutschland

Wie die Lebensrealitäten von Schwarzen Menschen aussehen, soll die Befragung zeigen, deren Ergebnisse vermutlich im Sommer 2021 veröffentlicht werden. Interessierte, die sich selbst als Schwarz identifizieren, konnten sich vorab für die Befragung online registrieren – das haben rund 10.000 Menschen getan. Mehrere Tausend haben anschließend den zugeschickten Fragebogen ausgefüllt und zum Beispiel beschrieben, ob und wie sie in Schule, Ausbildung, Studium oder auf der Arbeit von Rassismus betroffen sind. Die Rückmeldungen aus den Communities selbst waren allerdings zu Anfang gemischt. „Viele haben sich gefreut, dass überhaupt etwas passiert“, berichtet Bremberger. „Manche waren aber auch skeptisch, wer dort Daten erhebt.“

Doch das Prinzip „von Schwarzen Menschen für Schwarze Menschen“ hat überzeugt, denn der anonym durchgeführte Afrozensus ist keine Auftragsforschung. Bedenken, die an die Volkszählungen im Nationalsozialismus erinnerten, konnten ausgeräumt werden. „Wir sind selbst Teil der Community und wollen unsere Probleme, aber auch die Beiträge, die wir als Teil dieser Gesellschaft leisten, sichtbar machen“, fasst Teresa Bremberger zusammen. „Mithilfe des Afrozensus hoffen wir, dass Schwarze Menschen sich mit ihren Erfahrungen gesehen fühlen und empowered werden.“ Im besten Fall führe der Afrozensus zu einem Denkanstoß, wie über die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Rassismus in Deutschland gesprochen wird – und dazu, dass entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können.

Rassismusforschung in Deutschland stärken

Darauf hofft auch Professor Karim Fereidooni. Als Rassismusforscher an der Ruhr-Universität Bochum ist er gespannt auf die Ergebnisse des Afrozensus: „Seit 400 Jahren leben Schwarze Menschen in Deutschland und seit 400 Jahren erleben sie Rassismus – deswegen ist es unbedingt nötig, mehr über ihre Lebensrealitäten zu erfahren.“ Gegebenenfalls könnten als Ergebnis Anti-Diskriminierungsgesetze entstehen. Der im Herbst 2020 verabschiedete Maßnahmenkatalog der Bundesregierung im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus sei ein wichtiger erster Schritt gewesen, so Fereidooni. So soll unter anderem die Präventionsarbeit intensiviert werden, ein neuer Straftatbestand für antisemitische oder rassistische Hetze geschaffen und der umstrittene Begriff „Rasse“ im Grundgesetz ersetzt werden. Die Empörung über den Tod des Schwarzen George Floyd in den USA, hätte auch in Deutschland Wirkung gezeigt, ist Fereidooni überzeugt. Ein wichtiger Schritt sei auch, dass jetzt die Rassismusforschung gestärkt werden soll.

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