Eine wiederentdeckte Stimme

Früher Erfolg in der türkischen Community, späte Anerkennung für deutsche Texte: der Musiker Ozan Ata Canani im Interview.

Ozan Ata Canani
Ozan Ata Canani privat

Ozan Ata Canani kam als Kind türkischer Gastarbeiter 1975 nach Deutschland und wurde durch sein außergewöhnliches Talent früh zum gefragten Musiker in der türkischen Community. Dem Künstlernamen Ozan, der sich im Deutschen mit „Barde“ übersetzen lässt, wird er noch heute nicht zuletzt durch seine gesellschaftskritischen Texte gerecht. Seine Idee, türkische Klänge mit deutschen Texten zu kombinieren, stieß vor Jahrzehnten noch auf wenig Interesse. 2021 hat Ozan Ata Canani sein erstes eigenes Album herausgebracht und geht erfolgreich auf Tournee.

Herr Canani, Sie sind 1975 als Zwölfjähriger nach Deutschland gekommen. Erinnern Sie sich an den ersten Tag und die Anfangszeit hier?

Ich weiß vor allem noch, dass ich gefroren habe. Wir flogen von Adana ab, dort war es sehr heiß, daher hatte ich nur was Kurzärmliges an, in Bremerhaven war es aber sehr kalt. Niemand hatte mich auf den Temperaturunterschied vorbereitet. Es war keine Ankunft, die ich mit Freude verbinde, zumal ich gar nicht nach Deutschland wollte.

Warum wollten Sie nicht nach Deutschland?

Weil ich sehr gerne im Dorf bei meinen Großeltern lebte; zu ihnen hatte ich eine sehr enge emotionale Bindung entwickelt und wollte nicht weg von ihnen. Ich gehöre zu denen, die als Kinder von den Eltern zurückgelassen wurden – bei Großeltern, Onkeln und Tanten oder anderen Verwandten. Die Väter und Mütter gingen als Gastarbeiter nach Deutschland, mit dem Plan, viel zu arbeiten, in kurzer Zeit viel Geld zu sparen, dann in die Heimat zurückzukehren und sich dort eine Existenz aufzubauen. Das war doch die Idee bei fast allen türkischen Arbeitsmigranten, auch bei meinem Vater. Er ging 1971, stellte nach zwei Jahren fest, dass es nichts wird mit der baldigen Rückkehr und holte meine Mutter zu sich. Damit sie zu zweit arbeiten und mehr ansparen konnten. 1975 haben sie dann beschlossen, mich zu sich zu holen. Ich habe mit meinem Vater verhandelt, habe ihm erklärt, dass ich nur dann zu ihnen komme, wenn er mir ein Saz kauft.

Er scheint sich auf den Deal eingelassen zu haben…

Ja, ich bekam ein Saz als Begrüßungsgeschenk. Innerhalb von sieben Monaten habe ich so gut spielen gelernt, dass ich mit Aşık Mahzuni auf der Bühne stand. Ich hatte ihn auf einem Konzert in Bremerhaven kennengelernt. Er lud mich ein, ihn auf seiner Deutschlandtournee zu begleiten, mein Vater verbot es mir aber. Ich war damals sehr wütend auf meinen Vater. Heute verstehe ich, dass er einem 13-Jährigen keine Konzerttour erlaubte. Saz spielte ich in Bremerhaven bei Festen und Feiern. Übrigens: Ich spiele nach Gehör, auch nach 47 Jahren kann ich nicht wirklich Noten lesen.

Ihr erstes Lied auf Deutsch schrieben Sie als 15-Jähriger. Türkische Musik und deutschsprachiger Text: Was hat Sie dazu gebracht?

Ich hatte auf einer türkischen Hochzeit gesungen und Saz gespielt; ein deutsches Paar kam danach auf mich zu und fragte mich, wovon denn die Texte gehandelt hätten. Die Gäste seien alle sehr berührt gewesen. Das brachte mich auf den Gedanken, auch auf Deutsch zu texten und zu singen. Was man wissen sollte: Ein Ozan setzt sich in seinen Texten mit der Zeitgeschichte auseinander, kritisiert die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, und das nicht plump und platt. Ich sehe mich in der Ozan-Tradition: Ich widme mich der Situation in Deutschland, schreibe über Menschen, die als Gastarbeiter kamen, über die deutsche Gesellschaft und kritisiere Politiker und die politischen Verhältnisse. Ich kritisiere aber auch die, die immer noch von einer Rückkehr träumen. Ich war schon früh realistisch und wusste, wir bleiben hier. Deshalb kam es zum Zerwürfnis mit meinem Vater. Bis zu seinem Tod erzählte er davon, dass wir nächstes Jahr in die Türkei zurückkehren. Das passierte natürlich nicht. Er starb in Deutschland und wurde in seinem Dorf beerdigt.

Mit einem ihrer deutschsprachigen Lieder traten Sie 1982 sogar im deutschen Fernsehen auf – in der Sendung des populären Alfred Biolek. Das Lied heißt „Deutsche Freunde“. Was hat Sie dazu inspiriert?

1978 zogen wird nach Köln um, dort nahm ich erstmals Ausländerfeindlichkeit wahr. „Deutsche Freunde“ ist eine Reaktion darauf. An Hauswänden stand „Türken raus“ und an Lokal-Eingängen „Kein Zutritt für Ausländer“. Der Auslöser für den Text war eine Überschrift aus einer Zeitschrift der Gewerkschaft IG Metall, die ich zufällig in die Hände bekommen hatte. Ich las das Zitat von Max Frisch „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ und wusste, darüber schreibe ich ein Türkü (türkisches Volkslied). Das Wort Türkü verwende ich bewusst auch auf Deutsch.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihren TV-Auftritt?

Die Zeit war damals noch nicht reif für meine Musik und meine Texte. Für deutsche Ohren waren die Töne fremd und die Texte nicht das, was man hören wollte. Die Türken interessierten sich für meine deutschen Türkü auch nicht. Ich verabschiedete mich von dem Traum einer großen Musikerkarriere und trat auf türkischen Hochzeiten und Feiern auf, schrieb aber weiterhin Lieder.

Es ist dann doch anders gekommen. Sie haben vor Kurzem ein eigenes Album herausgebracht – mit deutschen und türkischen Texten…

Ich bekam vor ein paar Jahren einen Anruf aus Berlin, von dem Autor und PR-Manager Imran Ayata. Erst habe ich gedacht, der Mann macht einen Scherz. Er erklärte mir sein Anliegen: Er bereite ein Album vor, mit Stücken von türkischstämmigen Musikern aus Deutschland, die über das Leben hier singen. Er fragte, ob es eine Aufnahme von „Deutsche Freunde“ gibt. Hatte ich aber nicht mehr. Für das Album „Songs of Gastarbeiter“ ging ich ins Studio, um mein Türkü aufzunehmen. Das war der Anfang.

Wie sind nun die Reaktionen auf Ihre Musik?

Wir sind seit ein paar Monaten auf Tournee; erstaunlicherweise kommen zu den Konzerten mehr Deutsche als Türkeistämmige. Ich denke, dass sich die Hörgewohnheiten geändert haben, dass die Töne nicht mehr so fremd klingen und die Menschen inzwischen auch sensibler für Ausgrenzung und Diskriminierung geworden sind.

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