Bulgarien zahlt jetzt mit Euro
Bulgarien zahlt seit dem 1. Januar 2026 mit dem Euro. Zwischen vorsichtigem Optimismus und Sorge vor steigenden Preisen beginnt für das EU-Land eine neue Phase.
Als in der Neujahrsnacht 2026 die ersten Bulgaren Euroscheine aus den Geldautomaten zogen, wurde schnell klar, wie unterschiedlich der Euro im Land aufgenommen wird. „Fantastisch, es funktioniert“, sagte der 43-jährige Dimitar, nachdem er 100 Euro abgehoben hatte. „Ganz Europa kommt mit dem Euro zurecht, wir werden es auch schaffen“, meinte der Rentner Vlad etwas skeptischer. Der Konditor Turgut Ismail äußerte eine Sorge, die derzeit viele in Bulgarien bewegt: dass es nach der Umstellung von der Landeswährung Lew auf den Euro zu Preissteigerungen kommen könnte, wie Euronews berichtete.
Seit dem 1. Januar 2026 ist Bulgarien Teil der Eurozone. Für das wirtschaftlich schwächste Land der Europäischen Union ist die Einführung der Gemeinschaftswährung ein wirtschaftlich und politisch bedeutender Schritt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem „wichtigen Meilenstein“.
Angst vor steigenden Preisen
Die Euro-Einführung wurde in Bulgarien lange kritisch diskutiert. In einer Umfrage der EU-Kommission sprach sich im vergangenen Jahr knapp die Hälfte der 6,4 Millionen Bulgarinnen und Bulgaren gegen den Euro aus – vor allem in ländlichen und einkommensschwächeren Regionen. Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank dürften diese jedoch begrenzt bleiben. Bei einem Besuch in Sofia im Spätherbst 2025 verwies die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde auf Erfahrungen aus anderen Ländern, wie die ZEIT berichtete: Dort seien die Preise zwar leicht gestiegen, der Effekt habe sich aber als moderat und vorübergehend erwiesen. Der zusätzliche Inflationsimpuls habe zwischen 0,2 und 0,4 Prozentpunkten gelegen. Zudem war der Lew bereits seit Jahren fest an den Euro gekoppelt, sodass die Umstellung ohne größere Wechselkurseffekte erfolgen konnte.
Viele Chancen durch den Euro
Dagegen bringe der Euro viele Vorteile – etwa einen reibungsloseren Handel, niedrigere Finanzierungskosten und stabilere Preise, so Lagarde. Allein durch das Wegfallen der Wechselgebühren von Lew zu Euro dürften kleine und mittelgroße Unternehmen rund 500 Millionen Euro einsparen. Die Tourismusbranche, die etwa acht Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts Bulgariens erwirtschaftet, hofft auf eine höhere Attraktivität ihrer Reiseziele.
Für Urlauber wird der Aufenthalt an den Stränden des Schwarzen Meers einfacher: Wie an vielen anderen europäischen Reisezielen ist nun auch dort das Bezahlen mit dem Euro möglich.
Politische und ökonomische Herausforderungen
Das sind gute Aussichten für ein Land, das sich in einer schwierigen Phase befindet. Die Regierung steckt in einer akuten Krise. Die prowestliche Koalition aus Konservativen, Sozialisten und Populisten war im Dezember 2025 von massiven Protesten gegen Korruption und ineffektive Justiz gestürzt worden. Am 19. Januar kündigte Präsident Rumen Radew seinen Rücktritt an, um bei den vorgezogenen Parlamentswahlen selbst anzutreten; die nächste Wahl wird im Frühjahr 2026 erwartet, es wäre die achte binnen fünf Jahren.
Auch ökonomisch steht Bulgarien unter Druck. Sein Bruttoinlandsprodukt ist das niedrigste in der EU. 2024 erwirtschafteten die Bulgaren im Jahr 2024 11.300 Euro pro Kopf.
Symbol eines starken Europas
Das weitere Wachsen des Währungsraums ist auch ein Beitrag zur globalen Bedeutung des Euro als Reservewährung. Rund 350 Millionen Menschen zahlen aktuell mit dem Euro. In einem durch große sprachliche und kulturelle Heterogenität gekennzeichneten Europa ist der starke Euro zu einem Symbol der Einheit geworden. Dass Bulgarien sich näher an Europa bindet, gilt auch als Signal an die pro-russischen Kräfte im Land. Deutschlands Außenminister Johann Wadephul nannte Bulgarien zusammen mit Rumänien bei einem Besuch im Oktober 2025 mit Blick auf die russischen Aggressionen „Partner, die für Europas Sicherheit und Stabilität entscheidend sind“.
Im Deutschen Bundestag stellte sich im Juni eine breite Mehrheit der Abgeordneten hinter die Aufnahme Bulgariens in die Eurozone. Der Euro sei nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern auch ein Symbol enger wirtschaftlicher Verflechtung und gemeinsamen politischen Gestaltungswillens in Europa, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps.
Politischer Wille zur Vertiefung der Union
Die Staats- und Regierungschefs Europas stellten sich auf dem EU‑Gipfel Ende Juni 2025 hinter den Vorschlag der EU-Kommission, Bulgarien die Euro-Einführung zum 1. Januar 2026 zu erlauben. Dies darf als Zeichen gesehen werden: Trotz nationaler Vorbehalte und populistischen Strömungen in mehreren Mitgliedstaaten gibt es weiterhin den politischen Willen zur Vertiefung der Union – auch wenn die momentane Lage nicht nach Erweiterung aussieht. Rumäniens Pläne für die Euro-Einführung haben noch keine konkreten Daten. Die EU-Staaten Tschechien, Polen und Ungarn haben eigene Ambitionen vorerst pausiert. In Dänemark und Schweden gilt noch immer das Nein der Bevölkerung zum Euro. 2003 hatten die Schweden mehrheitlich gegen die Einführung des Euro gestimmt, bereits im Jahr 2000 die Dänen.