Comics zum Gedenken

Das Projekt „We will call out your name“ lässt Holocaust-Opfer weiterleben.

Tobias Dahmen/Avitall - We will call out your name

Ein Kurz-Interview mit Avitall Gerstetter, Initiatorin des Projekts und Kantorin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Bei Ihrem Gedenkprojekt schreiben Jugendliche in Comic-Form das Leben von Holocaust-Opfern fort. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Durch Shimon Peres, der zum Holocaust-Gedenktag 2010 im Bundestag eine Rede hielt. Er erzählte von seinem Großvater, einem Rabbiner, der mit seiner ganzen Gemeinde in der Synagoge verbrannt wurde. Peres warf die Frage auf: Was würden diese Menschen uns sagen wollen, was würden sie sich von uns wünschen? Seine Antwort war: Sie würden uns bitten, ihre Geschichte weiterzuerzählen. Wie wäre ihr Leben verlaufen, hätte es die Shoa nicht gegeben? Das hat mich sehr berührt, und natürlich ist mir auch meine eigene Familiengeschichte wieder sehr präsent geworden: Wie hätte die Zukunft meiner ermordeten Verwandten ohne den Holocaust wohl ausgesehen, wo hätten sie gelebt, welche Berufe hätten sie gehabt?

Warum die Comic-Form?
Die junge Generation hat kaum noch Gelegenheit, mit Überlebenden ins Gespräch zu kommen. Mir ist es deshalb wichtig, eine Brücke zu den Jugendlichen zu schaffen. Der Comic als Medium, diese kurzen, klaren Sätze – das ist die Sprache unserer Zeit. So entstand die Idee, zusammen mit dem Illustrator Tobi Dahmen und dem Szenaristen Jens R. Nielsen die Graphic Novel „Rozsika“ zu entwickeln. Sie beginnt mit einer Episode über die Freundschaft zwischen Hannah und Rozsika, meiner Großtante, und spielt auf mehreren Zeitebenen. In meiner Geschichte überleben die Menschen – sie sterben nicht, so wie meine Großtante mit sieben Jahren sterben musste. Der Leser wird dadurch in die Lage versetzt, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Über eine Website und einen Blog können Jugendliche in ähnlicher Weise andere Lebensgeschichten weitererzählen – etwa von Menschen aus ihrer Stadt, die von den Nazis ermordet wurden.

Was bedeutet Ihnen der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar – begehen Sie ihn in besonderer Weise?
Vergangenes Jahr habe ich mit meiner anderen Großtante, der Schwester der verstorbenen Rozsika,  die Gedenkfeier im Berliner Dom mitgestaltet. Vorher waren wir in Auschwitz. Ich habe vor dem Krematorium Gebete gesungen. Das war für mich ein wichtiger Moment. Der 27. Januar bedeutet mir viel, aber ich will nicht, dass sich das Gedenken auf einzelne Tage beschränkt. Ich möchte eine Plattform bieten, auf der man sich das ganze Jahr über Gedanken macht.

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar

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