„Digitale Jobs haben Zukunft“

Gesche Joost, „Digital Champion“ der Bundesregierung, spricht im Interview über ihre Aufgaben, Ziele und bisherigen Erfolge.

Mareen Fischinger/DeutscheTelekom AG - Gesche Joost

Frau Joost, Sie wurden zum deutschen „Digital Champion“ in der EU ernannt. Was ist Ihre Aufgabe?

Jedes Mitgliedsland der EU entsendet einen „Digital Champion“ nach Brüssel. Sie sollen eine Verbindung herstellen zwischen der europäischen digitalen Agenda und dem, was in den Mitgliedsstaaten passiert. Wir treffen uns etwa dreimal im Jahr und gehen ganz konkrete Projekte der digitalen Agenda an. Das jüngste ist die Grand Coalition for Digital Jobs. Dabei geht es um die Zukunft der digitalen Arbeit. Und das ist ein Thema, das in Europa extrem wichtig ist, um der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa zu begegnen. Digitale Jobs können hier eine echte Zukunftsperspektive bieten. 
Wir wollen Ideen aus den Mitgliedsländern 
zusammenführen, um die Rahmenbedingungen und die Ausbildung zur digitalen Arbeit zu verbessern.

Die Diskussionen über Big Data, die in­telligente Analyse großer Datenmengen, sehen viele Menschen in Deutschland mit Skepsis. Wie begegnen Sie dem?

Wir erleben derzeit eine Angstdebatte, in der Big Data primär als Bedrohung stilisiert wird. Es ist sicher wichtig, die Grenzen der Datennutzung zu definieren, Bürgern das Recht auf Transparenz über ihre Daten zu sichern und eine klare Option zu garantieren, die Datennutzung zu stoppen. Andererseits wird die Energiewende ohne Big-Data-Analysen nicht funktionieren. Viele inno­vative Dienste nutzen anonymisierte Daten und erleichtern uns den Alltag – zum Beispiel, wenn unser Navigationssystem uns sagt, wie wir den nächsten Stau umfahren. Wir sollten also nicht generell die ­Nutzung von Daten kritisieren, sondern klare 
Grenzen bei personenbezogenen Daten ­ziehen.

Big Data – das bedeutet also auch große Potenziale. Wo sehen Sie Nachholbedarf, wenn es um die digitale Revolution geht?

Wir brauchen in Deutschland und Europa eine Datenpolitik, die zwischen den unterschiedlichen Datenklassen differenziert – zum Beispiel in Big Data, in personenbezogene Daten und in offene Daten (Open Data). Wir müssen ethische Grenzen der Nutzung von Big Data definieren und gleichzeitig klären, wie der Umgang mit personenbezogenen Daten reguliert werden kann und wie wir Nutzer im Netz dazu ermächtigen, mündig selbst entscheiden zu können, welche Daten genutzt werden dürfen. Data Literacy, die Kompetenz im Umgang mit Daten, ist hier ein wichtiges Konzept, das gefördert werden sollte.

Mit den anderen europäischen „Digital Champions“ tauschen Sie sich über ­digitale Erfolgskonzepte aus – welche Ideen beeindrucken Sie?

Im Jahr 2013 wurde die Code Week gestartet, während der an vielen Schulen und ­öffentlichen Einrichtungen Programmierkurse angeboten wurden. Fast alle EU-Mitgliedsländer haben mitgemacht. 2014 war zum ersten Mal auch Deutschland dabei – mit mehr als 70 Angeboten für Kinder und Jugendliche. Das ist ein wichtiges Thema, ich finde, man sollte Programmieren schon in der Grundschule lernen. Ein zweites Beispiel: In anderen Ländern, etwa in Skandinavien, wird die universitäre Ausbildung in bestimmten Bereichen schneller an die Weiterentwicklung der Technologie angepasst. Die Lehre muss sich weiterentwickeln, um die richtigen Kompetenzen vermitteln zu können. Deutschland ist in der vernetzten Bildung bislang nicht Vorreiter, sondern sehr zurückhaltend. Hier sollten wir mutiger unsere Position bestimmen – und die neuen Möglichkeiten der Vernetzung nutzen.

Interview: Clara Görtz

Prof. Dr. 
Gesche Joost

hat an der Berliner Universität 
der Künste eine Professur 
für Designforschung inne. Im März 2014 wurde sie von Sigmar Gabriel, Bundesminister für 
Wirtschaft und Energie, zum 
„Digitalen Champion für Deutschland“ im Rahmen der gleich­namigen Initiative der Euro­päischen Kommission ­ernannt. ­Eines ihrer Ziele ist eine inklusive digitale Gesellschaft, „die 
nicht nur eine technikaffine Elite“ adressiert, wie sie ­beschreibt, 
sondern allen Menschen Zugänge ermöglicht.