Wo verlief eigentlich die Mauer?

Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Ein Jahrhundertereignis. Eine Reise in die Gegenwart

picture alliance/AKG images - Fall of the Wall

Wo verlief eigentlich die Mauer? War hier der Westen? Wo begann der Osten? Am Berliner Checkpoint Charlie sind alle Gewissheiten Geschichte. 
Ein gutes Vierteljahrhundert  nach dem Fall der Mauer haben Ost und West als Orientierungshilfen ausgedient. Nun teilt man ein in schick und schlicht, hip und old, Kreuzberg und Mitte, arm oder sexy. Nur die Studenten in ihren nachgemachten Uniformen der Roten Armee oder der US-Streitkräfte erinnern die Touristen daran, dass hier einmal die Grenze zwischen zwei Welten verlief. Im Oktober 1961, zwei Monate nach dem Bau der Mauer, standen sich hier sogar russische und US-amerikanische Panzer gegenüber.

Wann sind sie eigentlich verschwunden, die 160 Kilometer lange Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze auf einer Länge von 1400 Kilometern? Gleich nach ihrem Fall 1989, als die Betonteile abgetragen oder von „Mauerspechten“ erbeutet wurden? Hat sie sich mit der innerdeutschen „Völkerwanderung“ aufgelöst, die nach der Wiedervereinigung 1990 einsetzte, als die Leipziger in Stuttgart und die Erfurter in Frankfurt Arbeit suchten und die jungen Stuttgarter und Frankfurter in den Prenzlauer Berg zogen? Oder ist sie immer noch da, nicht als physische Grenze, aber als Mauer in den Köpfen? Zeit für eine Spurensuche zwischen Brandenburger Tor und ehemaliger Elbgrenze.

Das populärste Stück Mauer befindet sich zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Friedrichshain. 1,3 Kilometer lang ist die East Side Gallery. Das Mauerstück, auf dem sich Honecker und Breschnew den sozialistischen Bruderkuss geben, ist Berlins bekanntestes Mauerkunstwerk. Freilich ist es seit seiner Bemalung im Februar 1990 eher ein Symbol der Verbindung als der Trennung geworden. Viel wichtiger ist dagegen die Erinnerung an die Teilung. An jene 28 Jahre, in denen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sowie zwischen den Westsektoren und dem sowjetischen Sektor Berlins ein Todesstreifen lag.

Von dieser Teilung erzählt neben dem Checkpoint Charlie auch die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße. Mitten durch die dicht bebaute Gründerzeitstadt Berlins zog sich vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 die Demarkationslinie. Die Bilder der Ostberliner, die aus ihren Fenstern in die Freiheit sprangen, sind um die Welt gegangen. Heute ist die Bernauer Straße der einzige Ort, an dem die Mauer in ihrem Querschnitt – Hinterlandmauer, Todesstreifen, eigentliche Mauer – zu erleben ist.

Zurückhaltender ist die Markierung der ehemaligen Sektorengrenzen in der Berliner Innenstadt. Rechts und links des Checkpoint Charlie, an dem noch heute die Schilder stehen mit der Aufschrift „Achtung, Sie verlassen den amerikanischen Sektor“, hilft eine in den Straßen eingelassene Pflastersteinreihe, die den Verlauf der Mauer dokumentiert. „Berliner Mauer 1961 – 1989“ ist auf Bronzetafeln eingraviert. So zurückhaltend dieses steinerne Band ist, so unfassbar ist vor allem für jüngere Menschen, welche Geschichten sich dahinter verbergen.

Wie dehnbar Erinnerung doch ist. Als die DDR am 13. August 1961 mit dem Mauerbau begann, war das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade 16 Jahre her. Seit dem Fall der Mauer ist dagegen schon ein Vierteljahrhundert vergangen. So wie einst am Checkpoint Charlie der US-amerikanische und der sowjetische Sektor begannen, so beginnt heute an der Friedrichstraße der Sektor Erinnerung.

Am emotionalsten ist die Erinnerung an die Teilung, wenn sie unverhofft kommt. Zum Beispiel an den Stelen, die immer wieder den Mauerradweg säumen. Anders als in der Innenstadt war die Grenze Westberlins zum Umland kein Schnitt durch das Weichbild Berlins, sondern eine Grenze zwischen Stadt und Land. Immer wieder haben Flüchtlinge versucht, an dieser Stelle nach Westberlin zu fliehen. 
In Nieder Neuendorf hält ein ehemaliger Grenzturm die Erinnerung wach. Peter Kreitlow, damals 20 Jahre alt, wurde beim Versuch, die Grenze an der Havel zu überqueren, am 24. Januar 1963 von Sowjet-truppen erschossen. 29 Stelen gibt es an der Berliner Mauer, insgesamt kamen 136 Menschen ums Leben.

Erschossen, weil man über einen Fluss schwimmen wollte? Ein gutes Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist das kaum mehr vorstellbar. Auch nicht, dass an der Elbe, die auf 94 Kilometern die „innerdeutsche“ Grenze markierte, ein Metallzaun den Ostdeutschen den Blick auf den Fluss verstellte. Dörfer, die jahrhundertelang am und mit dem Strom lebten, waren nun von ihm abgeschnitten, manche wurden sogar umgesiedelt. „Aktion Ungeziefer“ hieß eine dieser Deportationen. Wer blieb, konnte den Fluss nicht mehr sehen, sondern ihn nur noch riechen und die Vögel auf ihm hören.

Wo war eigentlich die Mauer? Viel ist nicht von ihr übrig: ein Stück an der Niederkirchnerstraße, gleich beim Berliner Abgeordnetenhaus, ein Stück am Invalidenfriedhof am Spandauer Schifffahrtskanal, schließlich das Mauerstück der heutigen East Side Gallery, das die Grenze zwischen Friedrichshain und Kreuzberg bildete. Nach dem 9. November 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 wollte man nicht mehr an die Mauer erinnert werden, das Kainsmal der Teilung sollte verschwinden.

Nur wer weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Stadt plötzlich in zwei Hälften zerschnitten wird, kann verstehen, warum den Menschen in den Tagen nach dem 9. November 1989 ein einziges Wort hunderttausendfach über die Lippen ging: „Wahnsinn!“ ▪