Gegensätze ins Gespräch bringen

„Europe Talks“ verkuppelt tausende Europäer zu politischen Zwiegesprächen. Was sich die Organisatoren vor der Europawahl davon versprechen.

„Europe Talks“ bringt Gegensätze zusammen und baut Vorurteile ab.
„Europe Talks“ bringt Gegensätze zusammen und baut Vorurteile ab. ZEIT ONLINE

Kennen wir Europäer einander eigentlich? Wissen wir, was Menschen in unseren Nachbarländern bewegt und wieso sie denken, was sie denken? Nicht wirklich, glaubt Maria Exner, stellvertretende Chefredakteurin von „Zeit Online“ und Organisatorin des europaweiten Projekts „Europe Talks“. Kurz vor der Europawahl verbindet das Projekt Tausende Europäer zu einem Gespräch der Gegensätze.

„Zeit Online“, die Website der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, arbeitet dafür mit 15 europäischen Medienunternehmen zusammen. Die Medienpartner stellten ihren Lesern sechs Wochen lang sieben kontroverse, für alle gleichlautende Fragen, die Europa bewegen. Über digitale Fragebögen haben sich mehr als 17.000 Menschen angemeldet und ihre Einstellungen geteilt. Ein Algorithmus hat dann aus den Teilnehmern „Paare“ gebildet. Sie sollen sich am 11. Mai um 15 Uhr unterhalten – via Videoanruf oder bei einem persönlichen Treffen.

Maria Exner betreut das Projekt „Europe Talks“.
Maria Exner betreut das Projekt „Europe Talks“. Phil Dera für Convent Kongresse

Frau Exner, wir alle leben mehr oder weniger in einer „Filterblase“ – wann kommt ein grenzübergreifender Austausch in Europa überhaupt noch vor?
Wir Europäer diskutieren aktuelle, auch kontroverse Themen bislang oft nur in unserem eigenen Land. So diskutieren Deutsche über Griechenland nur aus einer deutscher Perspektive und andersherum. Das Projekt „Europe Talks“ ist ein Experiment, das die Frage stellt: Können wir in Europa Wege finden, uns grenzübergreifend über Themen auszutauschen, die ganz Europa betreffen? Und so auch mehr Verständnis füreinander entwickeln?

Können wir in Europa Wege finden, uns grenzübergreifend über Themen auszutauschen?

Maria Exner, Organisatorin von „Europe Talks“

Gehen wir dem Diskurs mit der „Gegenseite“ in Europa zu oft aus dem Weg?
Ich würde eher sagen, es ist im Alltag einfach nicht leicht, die „Gegenseite“ überhaupt zu treffen. In der Arbeit, im Freundeskreis oder auf Reisen trifft man oft nur auf Menschen, die ähnliche Meinungen haben wie man selbst. Mit einem anderen Europäer ein politisches Gespräch zu führen, der über essenzielle Dinge komplett anders denkt, ist eine seltene, aber wertvolle, Erfahrung. Deshalb wollen wir solche Begegnungen mit „Europe Talks“ einer großen Zahl von Menschen ermöglichen.

Was erhoffen Sie sich von den „Europe Talks“-Gesprächen?
Wir geben den Teilnehmenden keine Hausaufgaben mit in ihre Gespräche – worüber geredet wird, bestimmen allein sie. Von unseren nationalen Dialogveranstaltungen, etwa von “Deutschland spricht” wissen wir aber, dass viele zuerst die Themen des Fragebogens „abarbeiten“, über den sie sich angemeldet haben.

Danach wird aber auch über Persönliches gesprochen, über die eigenen Biographien. Und dadurch entsteht oft das Verständnis dafür, warum der Gesprächspartner dieses oder jenes denkt. Es ist für die Teilnehmenden interessant zu hören, welche Erfahrungen ihr Gegenüber gemacht hat und welche Entwicklungen ihr oder ihm Sorgen bereiten.

Wie wichtig ist das persönliche Gespräch in Zeiten anonymer Internetkommentare und der Verrohung der Debattenkultur?
Die persönliche Begegnung, zu zweit und ohne Beobachter, schafft einen Raum, in dem niemand rhetorisch schwere Geschütze auffahren muss – dort kann jeder Neugierde entwickeln und echtes Interesse zeigen. Viele Teilnehmende haben uns nach ihrem Gespräch gesagt: So gegensätzlich, wie uns die aufgeladenen Debatten im Netz vielleicht nahe legen, sind wir gar nicht.

Die „Europe Talks Conference“
Am 11. Mai um 15 Uhr sprechen die rund 4.000 Diskussionspaare europaweit miteinander – via Videoanruf oder bei einem persönlichen Treffen. An diesem Tag wird außerdem die „Europe Talks“-Konferenz in Brüssel gehalten – Musik, Podiumsdiskussionen und Gespräche mit europäischen Nachbarn inklusive. Unter anderem sind mit dabei: 200 der Diskussionspaare, die Staatsministerin im Auswärtigen Amt Michelle Müntefering, ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti.

„Europe Talks“ wird unterstützt durch das Auswärtige Amt in Zusammenarbeit mit der European Cultural Foundation, der Allianz Kulturstiftung, der Stiftung Mercator der Evens Foundation und in Partnerschaft mit Interrail und dem Bozar Centre for Fine Arts Brüssel.

Mehr Infos zur Konferenz findet ihr hier: http://www.zeit.de/europetalks-opening

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