Vom Chefarzt in Norddeutschland zum König in Niger
Issifi Djibey arbeitete als Herzchirurg in einem deutschen Krankenhaus. Nun ist er König der nigrischen Provinz Kokorou. Wie es dazu kam, erzählt er im Interview.
Geboren in Niger, kam Issifi Djibey 1970 zum Medizinstudium nach Deutschland. Als Spezialist für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie stieg der heute 75-Jährige im norddeutschen Rendsburg bis zum Chefarzt auf und praktizierte bis 2014. Im Februar 2026 wurde Djibey in seiner westnigrischen Heimatprovinz Kokorou zum König gewählt. Heute pendelt er zwischen beiden Ländern.
Herr Dr. Djibey, wie sollten wir Sie am besten ansprechen?
Ich weiß nicht genau, wie man das französische Honorable übersetzt – als „der Ehrenwerte“ vielleicht. Die korrekte Ansprache wäre dann also „der ehrenwerte Chef des Kantons von Kokorou“. Aber Dr. Djibey reicht mir vollkommen.
Dann also Dr. Djibey. Wie sind Sie zu dieser außergewöhnlichen Position gekommen? König wird man ja nicht alle Tage.
In Niger verfügt jede Provinz über einen eigenen König. Zur Wahl antreten kann, wer in der Königslinie steht. Das ist bei mir der Fall. Zudem richtet sich das Amt nach dem Alter und ich bin einer der Ältesten in meiner Familie. Meine Verwandten wünschten sich, dass ich antrete, und das wollte ich ihnen nicht abschlagen. Nun bin ich König meiner Heimatprovinz im Westen Nigers, die ungefähr so groß ist wie das Saarland. Sie besteht aus rund 80 Dörfern mit ungefähr 200.000 Einwohnern.
Was genau sind Ihre Aufgaben?
Als König bin ich direkt dem nigrischen Innenministerium unterstellt und in erster Linie ein Garant der Sitten und Traditionen. Als offizieller Vertreter des Gebietes wirke ich als Mittler zwischen der Bevölkerung meiner Provinz und der Landesregierung. Letztendlich kann man sagen, ich sorge dafür, dass das, was die Regierung entscheidet, vor Ort auch umgesetzt wird. Begleiten darf ich dabei auch die Justiz: Verstehen sich zwei Leute nicht, können sie zu mir kommen und ich richte über den Fall. Wenn sie mit meiner Entscheidung dann nicht einverstanden sind, müssen sie sich an jemand anderen wenden – einen Anwalt zum Beispiel.
Welche Vorteile sind mit ihrer Rolle als König verbunden?
Ich bin dichter am Volk als ein Beamter oder irgendein Regierungsmann, der vielleicht aus einem anderen Teil des Landes stammt, nie vor Ort war und sich entsprechend nicht auskennt.
Die Königswahl bindet Sie wieder stärker an Ihr Geburtsland Niger. Wie sind Sie ursprünglich nach Deutschland gekommen?
Letztlich war das Zufall. Ich kam 1970 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Gießen, um zunächst Veterinärmedizin und dann Humanmedizin zu studieren. Im Studium lernte ich meine spätere Frau kennen, mit der ich bis heute in Rendsburg lebe. Nach der Promotion gingen wir gemeinsam nach Niger, kehrten aber schließlich wieder nach Deutschland zurück. Ich bin Spezialist für Herzchirurgie und das ist ein Beruf, den man in Niger nicht ausüben kann.
Der Bedarf an medizinischem Fachpersonal ist in Niger sicher groß. Woran liegt es, dass Sie Ihre Spezialisierung dort nicht einbringen können?
Derart spezialisierte Kliniken gibt es dort bis heute nicht, vor allem aber ist Herzchirurgie eine extrem teure Medizin, die sich ein armes Land wie Niger einfach nicht leisten kann. Zum Ende meiner Facharztausbildung war ich in Niger und habe mich umgesehen: Es war undenkbar, meine Spezialisierung dort anzuwenden. Was glauben Sie, was eine Herzklappe kostet – oder eine Gefäßprothese? In Niger ist teilweise nicht einmal Aspirin vorhanden.
Sie leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Lassen Sie das, was Sie dort erfahren und gelernt haben, in Ihre Regentschaft einfließen?
Ja, das glaube ich schon. Ich habe einige deutsche Tugenden verinnerlicht und die wende ich auch an: Zuverlässigkeit zum Beispiel, den Willen, etwas zu erreichen, genauso wie Respekt und Freundlichkeit gegenüber jedem Menschen. Vor allem aber bringe ich Zuversicht, Rationalität und Beharrlichkeit ein. Das ist auch notwendig, denn die Aufgaben, die sich mir stellen, sind extrem schwierig zu bewältigen.
Ich muss erstmal daran arbeiten, Frieden in die Region zu bringen
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie konkret?
Im Prinzip gibt es in Kokorou aktuell gar nichts – keine Infrastruktur, und vor allem keinen Frieden. Es haben sich Tausende Dschihadisten angesiedelt, bewaffnete Banden tyrannisieren die Bevölkerung und es werden Menschen ermordet. Mit Hilfe des guten Willens der Bevölkerung und in Zusammenarbeit mit der Regierung und dem Militär muss ich also erstmal daran arbeiten, dass Frieden in die Region kommt. Ohne Frieden können Entwicklungsprogramme nicht greifen, kann man keine Straßen bauen, keinen Handel und nicht einmal Feldarbeit betreiben. Insofern ist das eine riesige Aufgabe.
Nutzen Sie Ihre Kontakte nach Deutschland, um sich für gute Bedingungen in Niger einzusetzen?
Ja, das ist sogar einer der Gründe gewesen, überhaupt zur Wahl anzutreten. Ich habe unheimlich viele Bekannte, Freunde und Beziehungen in Deutschland, die ich gern nutzen möchte, um etwas Licht nach Niger zu bringen. Ich bin Rotarier und habe gemeinsam mit Freunden vom Rotary Club schon in den vergangenen Jahren immer wieder Projekte vor Ort realisiert – Augen-Operationen zum Beispiel. Wir schicken auch jedes Jahr mehrere Container voller Medikamente und medizinischer Instrumente. Wenn ich es als König schaffe, dass sich auch das deutsche Entwicklungsministerium für Kokorou zu interessierten beginnt und uns hilft, den Kanton zu entwickeln – das würde der Region sehr, sehr guttun.