Die neue Mitte der EU

Nach dem Brexit liegt das geografische Zentrum der EU in Gadheim nahe Würzburg. In dem Dorf sieht man das mit gemischten Gefühlen.

Feldbesitzerin Karin Keßler und Bürgermeister Jürgen Götz
Feldbesitzerin Karin Keßler und Bürgermeister Jürgen Götz dpa/pa

Ein Feld nahe dem 80-Einwohner-Dorf Gadheim nahe Würzburg. Bislang wuchs hier Raps. Jetzt – nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union – liegt hier der geografische Mittelpunkt der EU. Ein schmaler Weg führt auf die rund 1.000 Quadratmeter große Fläche hoch über dem Maintal. Die Gemeinde Veitshöchheim, zu der das landwirtschaftlich geprägte Gadheim gehört, hat dort einen kleinen Platz gepflastert, eine Bank lädt zum Verweilen ein.

Ein paar Meter weiter wehen drei Fahnen – von Veitshöchheim, Deutschland und Europa. Aus einem Findling ragt ein rot-weißer Vermessungsstab und markiert den exakten Punkt: neun Grad, 54 Minuten, sieben Sekunden östlicher Länge und 49 Grad, 50 Minuten, 35 Sekunden nördlicher Breite – diese Koordinaten haben die Experten am Nationalen Geografischen Institut in Paris für das neue Zentrum der EU errechnet. Zuvor lag es in dem rund 60 Kilometer entfernten Ort Westerngrund, ebenfalls in Bayern.

Gadheim in der Nacht des Brexit
Gadheim in der Nacht des Brexit dpa/pa

Das Feld, das in der Nacht zum 1. Februar 2020 in Europas Mitte gerückt ist, gehört der Gadheimerin Karin Keßler. Ein Glücksfall, denn Europa ist der Landwirtin und ihrer Familie ein Herzensanliegen. Keßlers Vater Edmund Kilian musste 1944 als 18-Jähriger in den Krieg ziehen. In der Normandie sollte er helfen, den Ansturm der Alliierten gegen Nazi-Deutschland aufzuhalten. Kilian hatte Glück, er blieb weitgehend unverletzt. Doch der junge Soldat musste ansehen, wie Freunde neben ihm im Gefecht starben.

Erlebnisse, die ihn zeitlebens beschäftigten, von denen er seinen Kindern und Enkeln immer wieder erzählte – als Mahnung, was blinder Nationalismus anrichten kann. Das gemeinsame Europa, diese Idee für Frieden statt Hass zwischen den Völkern, hielt Edmund Kilian bis zu seinem Tod 2019 hoch.

So schön es also auch ist, nun den EU-Mittelpunkt vor der Haustür zu haben – Karin Keßler begleiteten in der Nacht des Brexit durchaus gemischte Gefühle. Schließlich war es das erste Mal in der Geschichte der Union, dass sich der Mittelpunkt verschiebt, weil ein Staat die Gemeinschaft verlässt. Ein Grund zur Freude sei das nicht, sagt sie.

Auf diesen „schmerzlichen Zusammenhang“ verwies in der historischen Nacht auch Jürgen Götz. Der Bürgermeister von Veitshöchheim ist ebenfalls ein überzeugter Europäer. Gerne, versichert er, gebe man den Mittelpunkt eines Tages wieder ab, wenn vielleicht der Kosovo oder Serbien neu in die EU kommen – oder die Schotten zurückkehren.

Bei der Fußball-EM im Fernsehen

Nun aber gilt es erst einmal, den frisch erlangten Ruhm zu nutzen. Das Feld in Gadheim soll künftig ein weiteres Ausflugsziel für Gäste sein, die Veitshöchheim ansonsten wegen seiner Lage am Main, dem von Balthasar Neumann erbauten Schloss mit dem Rokoko-Garten oder der Fränkischen Fastnacht besuchen.

Ein Coup ist der Gemeinde schon gelungen: Während der Fußball-Europameisterschaft, die in diesem Jahr erstmals in mehreren Städten auf dem Kontinent sowie in Baku in Aserbaidschan ausgetragen wird, sendet das deutsche Fernsehen in seinem Morgenmagazin zwei Wochen live aus Veitshöchheim. Dem EU-Mittelpunkt Gadheim sei Dank.

 

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