Nicht wegsehen, sondern engagieren

Wie das Vermächtnis von Nelson Mandela Deutschlands neue Partnerschaft mit Afrika beeinflusst.

Nelson Mandela
Nelson Mandela dpa

Er ist eine Ikone der Menschlichkeit: Am 18. Juli 2018 wäre Nelson Mandela 100 Jahre geworden. Mit unbeugsamem Einsatz gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit überwand der Freiheitskämpfer und spätere Präsident Südafrikas die Apartheid. Dafür wurde er 1993 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Was lässt sich von Mandelas Vermächtnis für Deutschlands Partnerschaft mit Afrika ableiten? Das erklärt Georg Schmidt, seit 2014 Regionalbeauftragter für Subsahara-Afrika und Sahel im Auswärtigen Amt.

Georg Schmidt, Afrikabeauftragter im Auswärtigen Amt
Georg Schmidt, Afrikabeauftragter im Auswärtigen Amt dpa

Herr Schmidt, mit einem Festkonzert in Berlin wird des 100. Geburtstags von Nelson Mandela gedacht. Wofür steht Nelson Mandela?
Nelson Mandelas Einsatz gegen Apartheid, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit strahlt mit Recht weit über den afrikanischen Kontinent hinaus. Er ist eine globale Ikone – auch weil er darauf hinweist, dass Hass nicht mit Hass überwunden werden kann, sondern mit Empathie. Daher wird Außenminister Heiko Maas persönlich beim Festkonzert dabei sein. Es gibt eine Gedenkbriefmarke für Nelson Mandela, die Deutschland und Südafrika gemeinsam gestaltet haben.

Für die Afrikapolitik lassen sich bis heute wichtige Lektionen ableiten: Bei massiven Menschenrechtsverletzungen nicht wegsehen, sondern sich engagieren. Dafür braucht es –wie im Kampf gegen die Apartheid – einen sehr langen Atem. Nelson Mandela hat immer auch die soziale Dimension berücksichtigt. Unter seiner Präsidentschaft hat sich Südafrika bei der Konfliktlösung auf dem afrikanischen Kontinent eingesetzt, zum Beispiel in Burundi. Wir brauchen auch weiterhin starke afrikanische Partner. Deutschland kann und wird hier unterstützen.

Und noch eine letzte wichtige Botschaft von Mandela: Auf der Höhe seiner Macht 1998 hat er nicht noch einmal für das Präsidentenamt kandidiert, sondern den Weg für einen friedlichen Wechsel freigemacht. Ein starkes Zeichen.

Die deutsche Afrika-Politik hat einen neuen Ansatz. Was sieht der „Marshallplan mit Afrika“ vor?
Der Marshallplan sieht eine stärkere Konzentration und Konditionalisierung der Entwicklungszusammenarbeit vor. Aber der Wandel der deutschen Afrikapolitik geht weit über den Marshallplan hinaus. 2017 starteten viele Initiativen: Die Compacts with Africa innerhalb der G20, die Initiative Pro!Afrika , die Migrationspartnerschaften. Durch alle zieht sich ein roter Faden: Mit Transfers staatlicher Mittel alleine ist kein nachhaltiges Wachstum in Afrika zu erreichen. Dazu braucht es die Mobilisierung privaten Kapitals. Dieses kommt nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus Afrika selber. An den Finanztransfers ins Ausland sieht man: Der Kontinent ist nicht arm. Aber die Mehrzahl seiner Bürger ist es. Wir müssen also sowohl deutsche Firmen dabei unterstützen, den Weg nach Afrika zu finden, als auch dafür sorgen, dass sich die Rahmenbedingungen auf dem Kontinent verbessern. Dazu gehört vor allem der Einsatz für Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Aus dem Dokument „Eckpunkte für einen Marshallplan mit Afrika“ geht hervor, dass jedes Jahr 50 Milliarden Euro Entwicklungsfinanzierung nach Afrika fließen, während 50 Milliarden US-Dollar illegal aus Afrika abgezogen werden. Wie soll sich das grundlegend ändern?
Es gibt noch viele andere Finanzströme, die in die Betrachtung einfließen müssten. So übersteigen zum Beispiel die Rücküberweisungen der afrikanischen Diaspora bei weitem die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit. Gegen illegale Finanztransfers muss global abgestimmt gehandelt werden. Dazu brauchen wir die Kooperation auch außerhalb der EU.

Für eine grundlegende Änderung ist es zusätzlich ein Mentalitätswandel in Afrika nötig: Mit mehr Demokratie und Transparenz werden es die Bürger nicht mehr zulassen, dass die Gelder verschoben werden. Es ist ein Skandal, dass im Kongo mit all seinen landwirtschaftlichen Möglichkeiten und Bodenschätzen Millionen von Menschen auf Versorgung von außen angewiesen sind.

Afrika wird als „Kontinent der Chancen“ bezeichnet. Welche Chancen sehen Sie?
Ich halte nicht viel von diesen Vereinfachungen – weder auf „Kontinent der Chancen“ noch auf „Kontinent der Krisen“. Das wird der Vielfalt Afrikas einfach nicht gerecht.

Wir sehen zum Glück jetzt schon, dass sich mehr und mehr deutsche Firmen für Afrika interessieren. Seit 2017 haben wir den German African Business Summit, der viele Energien bündelt. Der nächste wird 2019 in Ghana stattfinden. Die Bundesregierung hat die Hermes-Bürgschaften erweitert. Das Netz der Auslandshandelskammern in Afrika wird verdichtet. Deutschland hat 2017 Frankreich als größten Handelspartner Afrikas in der EU überholt. Aber die Chancen sind noch lange nicht ausgereizt.

Festkonzert zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela im Konzerthaus Berlin am 2. August 2018

Rede von Außenminister Heiko Maas zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela

Interview: Martin Orth