Stimmen zum Erinnern

Die Pogromnacht liegt 80 Jahre zurück. Die Erinnerung droht zu verblassen. Wovor Experten warnen.

Stolpersteine: Gedenken an die Opfer des Holocaust
Stolpersteine: Gedenken an die Opfer des Holocaust dpa

Erinnern ist persönlich. Erinnern ist politisch. Erinnern ist unbequem. Vergessen ist einfach. Am 9. November 1938 brennen in Deutschland Synagogen. In der „Reichpogromnacht“ werden Geschäfte verwüstet, jüdische Bürger angegriffen, erniedrigt, getötet. Deutschlandweit wird an diesem Tag der Opfer der Novemberpogrome gedacht. Experten warnen vor dem Vergessen.

Dr. Meron Mendel
Dr. Meron Mendel ist Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Der Israeli studierte in Deutschland Pädagogik.

Das gebietet der Respekt

„Der Respekt gebietet es, an das Menschheitsverbrechen der Shoah zu erinnern. Das sind wir den Opfern schuldig, den Überlebenden, den Angehörigen. Und uns selbst. Forderungen nach einem Schlussstrich werden schon seit Anfang der fünfziger Jahre in regelmäßigen Abständen gestellt. Wenn eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert wird, äußert sich darin der Wunsch, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus abzuschaffen. Die Vorstellung, dass eine Epoche abschließbar wäre, widerspricht allen Erkenntnissen der Geschichtsforschung. Vielmehr herrscht Übereinkunft, dass große historische Ereignisse in die Gegenwart hineinwirken.“

Professor Ulrich Herbert
Ulrich Herbert ist Professor für neuere und neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Der Leibniz-Preisträger hat zahlreiche Publikationen über die Zeit des Nationalsozialismus veröffentlicht.

Jugendliche müssen Bescheid wissen

„Der Terminus des Erinnerns beinhaltet auch ein Missverständnis. Die meisten Menschen von heute können sich an die NS-Zeit nicht ‚erinnern‘, weil sie sie nicht erlebt haben. Sie sind also auf Übermittlung von Kenntnissen angewiesen, auf Wissen. In Israel hat man mir auf die Frage, wie sich denn heutige deutsche Jugendliche zur NS-Zeit verhalten sollen, geantwortet: Gar nicht. Sie sollen nur genau Bescheid wissen.“

Katja Demnig
Katja Demnig ist pädagogische Mitarbeiterin im KunstDenkmal STOLPERSTEINE und Kuratoriumsmitglied der Stiftung – Spuren – Gunter Demnig. Die Stolpersteine erinnern im Straßenbild an die Opfer des Holocaust.

Erinnern als Mahnung

„Eine lebendige Erinnerungskultur erhebt nicht den Zeigefinger gegen Länder und Völker, sondern erinnert an bedeutende Ereignisse, die einen abscheulichen Krieg, unendliches Leid und Millionen Opfer hervorgebracht haben. Sie ist eine Mahnung und ein wichtiges Gut für alle Menschen, um Fehler der Vergangenheit nicht in gleicher Weise zu wiederholen. Einige Länder, die nach der Zeit des Nationalsozialismus keine aktive Aufarbeitung betrieben haben und die Geschichte ihrer angeblichen Neutralität bis heute krampfhaft aufrechterhalten, senden damit ein schlechtes Signal.“

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