„Der erste Stein der Berliner Mauer“

40 Jahre Solidarność: Im August 1980 streikten die Beschäftigten der Danziger Leninwerft und bekamen viel Hilfe aus Deutschland.

Das berühmte Tor Nummer zwei der Danziger Leninwerft.
Das berühmte Tor Nummer zwei der Danziger Leninwerft. dpa

Bożena Rybicka sieht die solidarische Entschlossenheit auf den ersten Blick. Als die 22-jährige Lebensmitteltechnikerin am 14. August 1980 die Danziger Leninwerft betritt, spiegeln sich Wut und Mut in den Gesichtern der Menschen, die hier arbeiten. Normalerweise arbeiten. Denn ab sofort wird gestreikt. Anlass ist der Rauswurf der Kranführerin Anna Walentynowicz, kurz vor ihrer Rente. Eine Racheaktion der kommunistischen Staatsmacht, denn Walentynowicz hat sich zu oft beschwert. Über die schlechtere Bezahlung von Frauen. Über die miesen Arbeitsbedingungen. Über Korruption von Führungskadern. Im Grunde über alles, was die Volksrepublik Polen für das Volk so wenig lebenswert macht. Dieser Streik vor 40 Jahren wird Polen verändern, das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen und er wird die Welt verändern.

 

Bozena Rybicka steht 40 Jahre später wieder vor dem Tor Nummer zwei.
Bozena Rybicka steht 40 Jahre später wieder vor dem Tor Nummer zwei. dpa

Es ging um mehr, als „nur“ ein besseres Leben

Auch die junge Bożena Rybicka hat sich schon früh der illegalen Opposition angeschlossen. Aber im August 1980 geht es auf der Leninwerft von Anfang an um mehr als „nur“ um ein besseres Leben. „Es war etwas Metaphysisches in dieser Revolte“, sagt die Zeitzeugin Rybicka heute, 40 Jahre danach. „Es gab eine ungeheure Konzentration auf diesen einen Punkt. Hier und jetzt. Alles oder nichts.“ Das Proletariat fordert die Diktatur des Proletariats heraus. Die Führung übernimmt der Elektriker Lech Wałęsa. Er reißt nicht nur die 17.000 Menschen auf der Werft mit. Schnell schließen sich auch große Teile der Danziger Stadtbevölkerung der Revolte an. „Allein wären wir verloren gewesen“, erinnert sich Rybicka. Tausende Menschen kommen nun Tag für Tag vor das zentrale Werfttor Nummer zwei. Darüber prangen, auf schlichte Sperrholztafeln gemalt, seit dem 17. August die Forderungen der Aufständischen: Anerkennung unabhängiger Gewerkschaften. Streikrecht. Freiheit des Wortes und der Schrift. Bald ist das halbe Land in der Revolte vereint. In Hunderten Betrieben wird gestreikt. Aber auch Universitäten schließen sich an, Symphonieorchester und nicht zuletzt katholische Priester. Denn der Aufstand hat neben Wałęsa eine zweite Leitfigur: Karol Wojtyła, der als Papst Johannes Paul II. als erster Pole auf dem Heiligen Stuhl sitzt.

Millionen Deutsche blicken gebannt nach Polen

Die Aufständischen präsentieren ihre Forderungen vom ersten Tag an der Weltöffentlichkeit. Dutzende Reporter westlicher Medien sind vor Ort. Die Streikenden holen sie auf die Werft und beziehen sie in ihre Strategie ein. Die Folgen sind frappierend, denn die Welt erfährt ungefiltert von den Ereignissen in Danzig. Besonders in Deutschland blicken Millionen Menschen gebannt nach Polen. In der DDR, der dem Ostblock angehörenden Teil des damals noch geteilten Deutschland, nährt das Vorbild der Solidarność den Hunger nach Freiheit, der sich 1989 dann Bahn bricht.

Wir haben den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen.

Bożena Rybicka

Die Führung der DDR ist in ihrem Urteil eindeutig: Sie nennt die Entwicklung in Polen eine „gefährliche Konterrevolution“. Gegen die Solidarność -Bewegung läuft in den staatlich gelenkten DDR-Medien eine Hetzkampagne: die führende Tageszeitung „Neues Deutschland“ etwa warnt vor dem „polnischen Fieber“. Fast folgerichtig ist die DDR-Führung bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Nach der Anerkennung der Solidarność in Polen als Gewerkschaft, spricht sie sich für eine Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten aus. In der Bevölkerung ist die Meinung durchaus gespalten, von konsequenter, öffentlicher Ablehnung bis zu heimlicher Bewunderung der Streikenden reicht das Spektrum.

Solidaritätswelle erfasst Bürger der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik Deutschland dagegen hebt eine ungeahnte und unerwartete Woge der Solidarität an. Vor allem nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 senden Millionen Westdeutsche Hilfspakete mit Mehl, Zucker, Medikamente und Babynahrung in die Volksrepublik – und legen damit einen Grundstein für die heutige deutsch-polnische Freundschaft. Nach Berechnungen der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte diese Hilfe aus der bundesdeutschen Zivilgesellschaft für die polnische Bevölkerung einen Wert von damals rund einer Milliarde Mark. Zugleich kommen in den 1980er-Jahren mehr als 600.000 Spätaussiedler aus Polen in den Westen Deutschlands. Sie gliedern sich weitgehend reibungslos in die bundesdeutsche Gesellschaft ein und bereichern ihre zweite Heimat bis heute.

Arbeiter tragen am 30. August 1980 Lech Walesa zur Lenin-Werft.
Arbeiter tragen am 30. August 1980 Lech Walesa zur Lenin-Werft. dpa

Papst Johannes Paul II. stärkt das Selbstbewusstsein

Im Jahr nach seiner Wahl zum Papst ist Wojtyla 1979 durch seine katholische Heimat gepilgert. Millionen Gläubige haben seine Worte gehört und verinnerlicht: „Fürchtet euch nicht.“ Die Angst ist im Sommer 1980 zwar nicht völlig verschwunden. „Aber das geschwisterliche Miteinander hat uns zum Sieg getragen“, urteilt Rybicka im Rückblick. Die Solidarität ist jener Punkt, um den sich in diesem polnischen August alles dreht. Dagegen kommt die geballte Staatsmacht nicht an. Sie lenkt ein. „Wir haben den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen“, sagt Rybicka

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