Der Kampf gegen den Hunger

Es gibt bemerkenswerte Erfolge – und doch hat noch immer ein großer Teil der Weltbevölkerung keinen Zugang zu ausreichender und guter Nahrung.

1.

WIE VIELE MENSCHEN 
LEIDEN UNTER HUNGER?

Derzeit hungert weltweit jeder neunte Mensch. Insgesamt haben rund 795 Millionen Kinder, Frauen und Männer nicht genug zu essen. 98 Prozent der Hungernden leben in Entwicklungsländern. 511 Millionen von ihnen sind in Asien und der Pazifik­region, 232 Millionen in Afrika zu Hause. Mit 23 Prozent ist der Anteil der Hungernden an der Bevölkerung in Subsahara-­Afrika am höchsten. Laut dem von der Deutschen Welthungerhilfe und dem International Food Policy Research Institute in Washington herausgegebenen Welthunger-Index liegen fünf der acht Länder, in denen die Hungersituation „alarmierend“ ist, in Afrika. Besonders dramatisch ist die Situation in der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, in Sambia, ­Sierra Leone und Madagaskar. Weltweit ist die Lage ausgerechnet dort am schlimmsten, wo Lebensmittel produziert werden: auf dem Land. Dort leben drei Viertel aller Hungernden. Die Hälfte aller Menschen, die nicht genug zu essen haben, sind Bauern. Oft sind ihre Felder 
so klein, dass sie davon nicht einmal ihre eigene Familie ernähren können.

2.

WARUM GIBT ES 
(IMMER NOCH) HUNGER?

Laut Welthungerhilfe würden die weltweit produzierten Lebensmittel ausreichen, um alle Menschen zu ernähren. Doch Kriege und Katastrophen zwingen immer wieder Menschen zur Flucht. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, ihre Felder zu bestellen. Zudem wird landwirtschaftliche Infrastruktur zerstört und der Handel stark eingeschränkt, sodass die Lebensmittelpreise steigen. Doch auch ohne akute Krisen erlaubt die Armut es vielen Bauern nicht, ausreichend Saatgut, Werkzeuge und Dünger zu kaufen. Andere haben kein Land oder es fehlt an landwirtschaftlichem Wissen. Der Raubbau an der Natur, Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung führen zudem etwa zu Wüstenbildung und damit zum Verlust von Anbaufläche. Auch ist die Bekämpfung von Hunger oft nicht Priorität der Regierungen in Entwicklungsländern, Korruption verschärft das Problem zusätzlich. Doch die Gründe liegen längst nicht nur in den betroffenen Ländern selbst: Der weltweit, vor allem aber in den Industrie- und Schwellenländern gestiegene Fleischkonsum hat zur Folge, dass auf Flächen, auf denen früher Lebensmittel angebaut wurden, heute oft Futtermittel wachsen. Die Produktion von Biokraftstoffen kann zudem zu einer „Konkurrenz zwischen Tank und Teller“ führen.

3.

WIE VIELE MENSCHEN STERBEN JEDES JAHR 
AN HUNGER?

Laut der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ trägt Unterernährung weltweit zu rund 45 Prozent aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren bei. Jedes Jahr sterben so rund 3,1 Millionen Jungen und Mädchen vor ihrem sechsten Geburtstag. „Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr mehr Menschen an Hunger und seinen Folgen als an Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids zusammen. Hunger ist das größte Gesundheitsrisiko der Welt“, sagt Ralf Südhoff, Leiter des VN-Welternährungsprogramms in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der deutschsprachigen Schweiz.

4.

WELCHE ROLLE SPIELT 
DER KLIMAWANDEL?

Fluten, Stürme und Dürren zerstören Ernten sowie Anbau- und Weideflächen. Durch den Klimawandel werden solche Naturkatastrophen in Zukunft wahrscheinlich immer häufiger auftreten und heftigere Folgen haben. Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel dazu führen könnte, dass die Ernten bis 2030 je nach Region um fünf bis 30 Prozent geringer ausfallen. Dadurch würden die Lebensmittelpreise weiter steigen, was nach Berechnungen der Weltbank zusätzlich bis zu 100 Millionen Menschen in die Armut treiben könnte.

5.

WAS BEDEUTET 
VERSTECKTER HUNGER?

„Ein Drittel der Weltbevölkerung ernährt sich vorwiegend von stärkehaltigen Lebensmitteln wie Reis, Mais oder Weizen, weil sie billig sind und satt machen. Doch satt sein ist nicht genug“, sagt Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski, der das Zentrum für Ernährungssicherung an der Universität Hohenheim leitet. Mangelernährten Menschen fehlt es unter anderem an Vitaminen, Spurenelementen und anderen lebensnotwendigen Mikronährstoffen, ihr Immunsystem ist geschwächt, ihre Lebenserwartung niedrig. Für Babys und Kinder kann Mangel­ernährung vor allem in den ersten 1000 Lebenstagen katastrophale Folgen haben. Bekommen sie in dieser Zeit nicht genug oder nicht genug gutes Essen, bleiben sie oft ihr Leben lang anfällig für Krankheiten, haben ein gestörtes Wachstum und können ihr geistiges Potenzial nicht voll entfalten. Nach Schätzungen ist ein Drittel der Menschen in Entwicklungsländern von Mangelernährung betroffen.

6.

WELCHE ERFOLGE GIBT ES?

Seit 1990 ist die Zahl der Hungernden um 216 Millionen gesunken. Das zweite Millenniums-Entwicklungsziel, den Hunger weltweit zu halbieren, wurde somit fast erreicht. „Heute hungern weniger Menschen, weil Entwicklung wirkt“, sagt Till Wahnbaeck, Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe. So hätten große Sozialprogramme unter anderem in Brasilien und Indien gute Ergebnisse gezeigt. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist das Wirtschaftswachstum einer der Hauptfaktoren dafür, dass die Zahl der Hungernden rückläufig ist.

7.

WAS MUSS NOCH 
GETAN WERDEN?

Die Weltgemeinschaft hat aus vergangenen Hungersnöten gelernt und Frühwarnsysteme sowie Not- und Katastrophenhilfe ausgebaut. Ist ein Staat nicht in der Lage, die Ernährung seiner Bevölkerung zu sichern, versuchen die Vereinten Nationen sowie staatliche und nichtstaatliche Hilfsorganisationen, Hunger durch langfristige Entwicklungsprogramme und kurzfristige Nothilfeprogramme zu bekämpfen. Untersuchungen der FAO zeigen, dass Investitionen in die Landwirtschaft für die Reduzierung von Armut und Hunger fünfmal effizienter sind als das Engagement in jedem anderen Bereich. Viele Hilfsorganisationen setzen deshalb bei der Förderung der Kleinbauern an. Zudem müssen bewaffnete Auseinandersetzungen, die Fortschritte immer wieder zunichtemachen, beigelegt werden. „Konflikte sind heute die großen Hungertreiber. Hierfür müssen diplomatische Lösungen gefunden werden“, sagt Till Wahnbaeck von der Welthungerhilfe.

8.

WIE ENGAGIERT SICH 
DEUTSCHLAND?

Der Kampf gegen den Hunger ist ein Hauptanliegen deutscher Entwicklungspolitik. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Initiative „EINEWELT ohne Hunger“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, Hunger und Mangelernährung zu überwinden und dafür zu sorgen, dass sich auch künftige Generationen gut ernähren können. „Die Initiative hat insbesondere Mütter und Kleinkinder im Blick“, so ein Sprecher des BMZ. „Sie fördert Innovationen und Landrechte der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und den Schutz der natürlichen Ressourcen, insbesondere des Bodens.“ Deutschland engagiert sich zudem in der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene und gibt wichtige Impulse. So betonte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt bei der Berliner Welternährungskonferenz im Januar 2016 die Rolle der Städte. „Urbanisierung ist der Megatrend unserer Zeit.“ Doch nur im Zusammenspiel mit einer nachhaltigen Landwirtschaft könne die Ernährung in den Megacitys gesichert werden. „Die Stadt braucht das Land.“

9.

WO HILFT DEUTSCHLAND KONKRET?

Deutschland unterstützt 15 Länder schwerpunktmäßig in der ländlichen Entwicklung und der Ernährungssicherung. Dazu gehören etwa Äthiopien, die Demokra­tische Republik Kongo, der Südsudan, ­Kenia, Kambodscha, Laos und Bolivien.

10.

WIRD ES JE EINE WELT 
OHNE HUNGER GEBEN?

2012 gründete VN-Generalsekretär Ban Ki-moon die „Zero Hunger Initiative“. Auch die Ziele nachhaltiger Entwicklung, die die Millenniums-Entwicklungsziele ablösten, streben bis 2030 eine Welt ohne Hunger an. Dies soll unter anderem durch Investitionen in Forschung erreicht werden. „Die Fortschritte seit 1990 zeigen, dass es möglich ist, Hunger, Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung zu besiegen“, heißt es bei der FAO. ▪