Holpriger Neustart

Außenwirtschaftsexperte Volker Treier sagt, warum es zu Lieferengpässen kam, aber eine Zurückverlagerung der Produktion nach Deutschland nicht sinnvoll ist.

Container: Die Währung des Welthandels
Container: Die Währung des Welthandels Studio concept/shutterstock

Herr Treier, China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Was sagen die neuesten Zahlen? 

China ist seit 2016 Deutschlands wichtigster Handelspartner. 2020 wurden Waren im Wert von 212,7 Milliarden Euro zwischen den Ländern gehandelt – drei Prozent mehr als im Jahr 2019. Somit ist rund ein Zehntel aller Ein- und Ausfuhren von Deutschland auf den Handel mit China zurückzuführen. Für China ist Deutschland das fünftwichtigste Lieferland. Deutschland verfügte 2019 über Direktinvestitionsbestände in China im Wert von 97 Milliarden Euro. Die Investitionsbestände chinesischer Investoren in Deutschland wiesen 2019 einen Wert von 5,5 Milliarden Euro auf. 

Die deutsche Wirtschaft beklagt Lieferengpässe, zum Beispiel bei Chips. Woran liegt das?  

Die weltweite Nachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Erholung ist schneller und stärker gestiegen als vielfach angenommen. Die Produktionskapazitäten für Vorprodukte und Rohstoffe konnten nicht in gleicher Geschwindigkeit wieder angepasst werden. Reduzierte Frachtkapazitäten sowie Handelskonflikte tragen ebenfalls zu Lieferschwierigkeiten bei einzelnen Rohstoffen und Vorerzeugnissen bei. Hinzu kommen auch noch Fälle höherer Gewalt wie einige Brände in Chipfabriken oder Corona-Fälle in chinesischen Häfen. In einer aktuellen DIHK-Abfrage berichten 40 Prozent der deutschen Unternehmen von Problemen in ihren Lieferketten.  

Außenwirtschaftsexperte Volker Treier
Außenwirtschaftsexperte Volker Treier DIHK

Die Vielfalt von Produktionsstandorten ist für viele Unternehmen ein wichtiger Teil der Risikostreuung.

Volker Treier ist Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)

Sollte Deutschland daher, wie vielfach gefordert, die Produktion kritischer Güter wieder ins Land holen?  

Globalisierung bedeutet Vielfalt von Produktionsstandorten, Lieferanten und Kunden. Sie ist für viele Unternehmen und Volkswirtschaften ein wichtiger Teil der Risikostreuung, was in der Krise hilft. Das zeigt auch unsere aktuelle Befragung der deutschen Unternehmen im Ausland: Betriebe, die aufgrund der Pandemie Lieferschwierigkeiten haben, machen sich eher auf die Suche nach neuen Lieferanten oder verteilen diese auf mehrere Länder und Regionen, als dass sie die Produktion in ihr Unternehmen zurückverlagern.  

Unter Experten macht der Begriff „Decoupling“ die Runde, der eine Entkopplung der chinesischen Wirtschaft von der Weltwirtschaft beschreibt. Wie bewerten Sie die Entwicklung? 

Der Blick in die Außenhandelszahlen zeigt, wie eng die deutsche mit der chinesischen, aber auch mit der amerikanischen Wirtschaft verflochten ist. Die USA sind unser wichtigster Exportmarkt. Für deutsche Unternehmen, deren Produktion global diversifiziert ist, kann die Entkopplung der beiden Märkte zu einer disruptiven Veränderung der Lieferketten führen – vor allem im Bereich High-Tech. Allen Sorgen zum Trotz: Für die EU bietet sich die Chance, sich als wirtschaftlich souveräner Akteur zu etablieren und durch gezielte Investitionen in Zukunftstechnologien die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents wieder mehr zu stärken. 

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