10 Antworten zur Energiewende

Wie Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft meistern und den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen will.

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Wie die Energiewende funktioniert

Alternative Energiequellen sollen die bis 2022 nach und nach abgeschalteten Kernkraftwerke (KKW) ersetzen. Wann welches KKW vom Netz geht, richtet sich nach der jeweiligen Risikobewertung und der Bedeutung des Kraftwerks für das Stromnetz. Die Bundesnetzagentur prüft, ob ein KKW zunächst als „kalte Reserve“ vorgehalten werden soll. Als Ausgleich für ihre ausbleibenden Einnahmen werden die KKW-Betreiber von Zahlungen in den „Energie- und Klimafonds“ der Bundesregierung befreit. Um diese Einnahmelücke zu schließen, erhält der Fonds von 2012 an unmittelbar alle Einnahmen des Bundes aus der Versteigerung der Emissionszertifikate. Der Fonds fördert die Forschung zu erneuerbaren Energien sowie Energiespeicher- und Netztechnologien, Elektromobilität und Maßnahmen zur Energieeffizienz. Zudem soll er die stromintensive Industrie absichern und Klimaschutzinitiativen in Entwicklungs- und Schwellenländern oder auch in Mittel- und Osteuropa unterstützen.

Wie sich die Energie-Infrastruktur ändern wird

Da die Atomenergie wegfällt, müssen die verbleibenden Energien besonders effizient vernetzt werden. Ein Ausbau der Stromnetze ist unabdingbar. Vom Abschalten der Kernkraftwerke sind in erster Linie Bundesländer im Süden (Baden-Württemberg, Bayern, Hessen) betroffen. Umso wichtiger ist es, dass die vor allem im Norden gewonnene Windenergie möglichst verlustfrei nach Süddeutschland gelangt. Hoffnungen ruhen auf der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, mit der sich elektrische Energie verlustarm über weite Strecken transportieren lässt. Um den Netzausbau transparent zu gestalten, hat die Bundesnetzagentur bereits in einem öffentlichen Verfahren Vorschläge der Bürger gesammelt. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert intensiv Forschungen zu intelligenten Netzen („smart grids“), die schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ausbalancieren und flexibel auf den Verbrauch reagieren. Das Ziel ist der Wandel von der „verbrauchsorientierten Strom­erzeugung“ hin zum „erzeugungsoptimierten Verbrauch“.

Welche Energien die Atomkraft ersetzen

Ein möglichst hoher Anteil erneuerbarer Energien bleibt das große Ziel. Auf dem Weg dorthin sollen hocheffiziente fossile Kraftwerke als Brückentechnologie dienen. Die Wirkungsgrade deutscher Steinkohlekraftwerke sind schon heute Weltspitze. Zudem ist Deutschland führend in der Entwicklung moderner, emis­sionsarmer Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke. Gleichwohl setzt das Energiekonzept der Bundesregierung vor allem auf die erneuerbaren Energien: Ihr Anteil am Endenergieverbrauch (Strom, Wärme, Kraftstoffe) soll bis 2030 auf 30 Prozent steigen, bis 2040 auf 45 Prozent und bis 2050 auf 60 Prozent. Die wichtigste Rolle spielt hierbei die Windkraft, die besonders in der Gewinnung auf See noch große, ungenutzte Potenziale bereithält. Bei der bereits stark ausgebauten Photovoltaik sind gezielte Maßnahmen zur Netzintegration geplant. Während der Anteil von Bioenergie und Geothermie noch weiter ausgebaut werden soll, erscheinen die Potenziale der Wasserkraft in Deutschland relativ ausgeschöpft.

Welche Innovationen aus Deutschland bei den erneuerbaren Energien vor dem Durchbruch stehen

Von der Entwicklung hocheffizienter, organischer Solarzellen bis zu neuen Erkundungsverfahren zur geothermischen Stromerzeugung: Das Bundesforschungsministerium fördert umfassend Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien. Auch das Bundesumweltministerium unterstützt zahlreiche Projekte. So konnte die GE Wind Energy GmbH gemeinsam mit deutschen Forschungseinrichtungen bereits erfolgreich Konzepte für leisere Windenergieanlagen testen. Die Geräuschreduzierung erleichtert die Akzeptanz der Anlagen in der Bevölkerung. Forscher des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg präsentierten 2010 eine Dünnschicht-Solarzelle mit einem Weltrekord-Wirkungsgrad von 20,3 Prozent. Unter der Leitung des Instituts für Baukonstruktion der Universität Stuttgart wurde unlängst ein Sonnenkollektorensystem für Glasfassaden entwickelt. Es wandelt nicht nur Sonnenlicht sehr effizient in Wärme um, sondern ermöglicht gleichzeitig auch Sonnenschutz und Tageslichtlenkung.

Wie Deutschland in alternative Energien investiert

Trotz der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise stiegen die Investitionen in erneuerbare Energien in Deutschland bereits 2010 um rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit fast 27 Milliarden Euro wurde ein neuer Rekord erreicht. Die Bundesregierung geht davon aus, dass rund 90 Prozent der Summe durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ermöglicht wurden. Die im Zuge der Energiewende verabschiedete Novelle des EEG sieht zusätzliche Förderungen der alternativen Energien vor. Windkraftanlagen auf hoher See werden mit einem Kreditprogramm über fünf Milliarden Euro gefördert. Die Vergütung für Strom aus Geothermie soll noch einmal deutlich steigen, um die noch ausbaufähige Technologie attraktiver zu machen. Die Bundesregierung stellt in den Jahren 2011 bis 2014 rund 3,5 Milliarden Euro für die Erforschung und Entwicklung moderner Energietechnologien bereit.

Welche wirtschaftlichen Chancen die Energiewende bringt

Schon heute beschäftigt die Branche der erneuerbaren Energien in Deutschland fast 370 000 Menschen. Ihre Zahl könnte laut Bundesumweltministerium bis 2030 auf über eine halbe Million ansteigen. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht durch die Energiewende zudem große Wachstumschancen in Umweltschutzbranchen wie Müllverarbeitung, Recycling und Wasseraufbereitung. Insgesamt könnten so laut Kemfert durch die Energiewende eine Million neue Jobs entstehen. Deutsche Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien sind international führend. Auch dank des erfolgreichen Exports von Anlagen und Komponenten sind ihre Umsätze von 8,6 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 25,3 Milliarden Euro im Jahr 2010 gestiegen. Die Energiewende dürfte erheblich zum weiteren Wachstum der Branche beitragen.

Was mit den Kernkraftwerken passiert, wenn sie vom Netz sind

Sie werden rückgebaut. Zunächst kommen alle abgebrannten Brennelemente in ein standortnahes Zwischenlager. Später folgt die Verlagerung ins Endlager. Für den Rückbau des vom Großteil seines radioaktiven Inventars befreiten Kernkraftwerks gibt es zwei Möglichkeiten: den unmittelbaren Rückbau oder den sicheren Einschluss mit späterer Beseitigung. Der Rückbau des Kernkraftwerks erfolgt von außen nach innen: von Rohrleitungen bis zum Reaktordruckbehälter. Nach dessen Zerlegung werden die leeren Gebäudeteile gereinigt. Stellt die radioaktive Strahlung keine Gefahr mehr dar, folgt der Abriss des Gebäudes und die Rekultivierung des Kraftwerksgeländes: Der ursprüngliche, natürliche Zustand soll wiederhergestellt werden. Das wurde in Deutschland bereits mehrfach erreicht, etwa beim 1974 stillgelegten Kernkraftwerk Niederaichbach oder beim ersten deutschen Atomkraftwerk, dem Versuchskraftwerk Kahl.

Warum keine Versorgungslücken entstehen

Fakt ist: Nachdem Deutschland als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima sieben Kernkraftwerke vom Netz nahm, stieg der Import von Atomstrom an. Für die Bundesregierung ist dies jedoch keine wirkliche Alternative. Zumal die Versorgungssicherheit auch ohne die bisher abgeschalteten Kraftwerke gewährleistet ist. Im international vernetzten Stromhandel schwanken Export- und Importmengen allerdings regelmäßig. So wird Deutschland beispielsweise bei starkem Wind schon heute schnell zum Exportland – und die Windkraft soll in den kommenden Jahren noch deutlich ausgebaut werden. Grundsätzlich muss die Stromerzeugung aus modernen fossilen Kraftwerken und vor allem aus erneuerbaren Energien konsequent vorangetrieben werden, um eine Abhängigkeit von Importen zu verhindern. Für die Bundesregierung genießt Strom aus erneuerbaren Energien beim zukünftigen Handel klaren Vorrang.

Wie die Energieeffizienz gesteigert wird

Noch geht viel zu viel Energie unnötig verloren. Allein 40 Prozent der Energie werden in Deutschland fürs Wohnen verbraucht. Das soll sich ändern: Der Wärmebedarf des Gebäudebestandes soll bereits bis 2020 um 20 Prozent sinken. Das klimaneutrale Haus wird als Standard angestrebt: 2050 soll sämtliche von Gebäuden benötigte Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Mit einem neu aufgelegten Energieeffizienz-Fonds fördert die Bundesregierung entsprechende Maßnahmen wie energetische Gebäudesanierungen und Energie- und Stromsparchecks für private Haushalte. Wer den Energiebedarf seines Hauses erfolgreich drosselt, erhält staatliche Unterstützung. Auch die neue, mit einem Volumen von zunächst 200 Millionen Euro ausgestattete „Förderinitiative Energiespeicher“ hat die Effizienz im Blick: So will sie unter anderem die Grundlagenforschung stärken, um vermeidbare Verluste im Energiekreislauf zu verhindern.

Wie sich Deutschland international für erneuerbare Energie engagiert

Deutschland setzt auf internationale Partnerschaften. Ein herausragendes Beispiel ist die 2007 unter deutschem Vorsitz maßgeblich mitgestaltete Afrika-EU-Energiepartnerschaft. Die Kooperation vereinbarte 2010, weiteren 100 Millionen Menschen in Afrika Zugang zu nachhaltigen Energiedienstleistungen zu ermöglichen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) engagieren sich als Gründungsmitglieder in der „Globalen Allianz für saubere Kochherde“ – und fördern hier die umweltschonende Holznutzung und den Einsatz alternativer Energiequellen wie Biogas. Deutschland unterstützt zudem den Mittelmeersolarplan und die Wüstenstrom-Initiative Desertec. Auch aufgrund ihrer Bedeutung für den Klimawandel gehört Energie zu den Kernthemen deutscher Außenpolitik: So hat sich Deutschland dafür eingesetzt, dass der VN-Sicherheitsrat unter seiner Präsidentschaft im Juli 2011 den Klimawandel als Sicherheitsrisiko anerkannt hat.