„Kleine Maßnahmen, großer Effekt“

Gerard Krause hat ein IT-System für die Eindämmung von Epidemien in Afrika entwickelt. Nun hilft seine Idee auf der ganzen Welt im Kampf gegen Corona.

Eine in Deutschland entwickelte App hilft weltweit im Corona-Kampf.
Eine in Deutschland entwickelte App hilft weltweit im Corona-Kampf. AdobeStock

Gérard Krause ist Professor für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Für die Überwachung der Ausbreitung von Virus-Krankheiten wie Ebola in Afrika hat er schon vor einigen Jahren das IT-System SORMAS entwickelt, das nun im Kampf gegen Covid-19 weltweit Anwendung findet.

Gérard Krause
Gérard Krause ist Professor für Epidemiologie

Herr Professor Krause, das IT-System SORMAS haben Sie ursprünglich für die Bekämpfung von Ebola entwickelt. Wie kann es dabei helfen, die Corona-Pandemie einzudämmen?

Die Covid-19-Pandemie stellt ganz ähnliche Anforderungen an das Gesundheitswesen wie ein Ebola-Ausbruch. Wir hatten in den vergangen Jahren die damit zusammenhängenden Prozesse durchdacht und erprobt – und mussten sie für die Corona-Pandemie nur noch leicht anpassen. Hintergrund von SORMAS (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) ist, dass der öffentliche Gesundheitsdienst in der medizinischen und klinischen Versorgung eine ganz wesentliche Rolle spielt: Der öffentliche Gesundheitsdienst verhindert die Weiterverbreitung, indem er Fälle überprüft. Er muss Kontaktpersonen erfassen, gesundheitlich betreuen und sichergehen, dass von ihnen kein Infektionsrisiko ausgeht. All die Prozesse greifen ineinander. Daran sind ganz verschiedene Berufsgruppen beteiligt – Labormediziner und Ärzte, Angestellte der Ämter und viele mehr. SORMAS bietet Schnittstellen für alle Beteiligten, sie werden angeleitet und begleitet. Das System wird für die Bedürfnisse jedes Gesundheitssystems angepasst – als SORMAS-ÖGD ist es bereits in vielen deutschen Gesundheitsämtern installiert.

Es geht also darum, Daten potenziell Erkrankter zu sammeln?

Es geht weniger darum Daten zu sammeln, als vielmehr darum, die Prozesse zu steuern. Und aus der zentralen Sammelstelle wichtige Informationen in die Peripherie kommen zu lassen, damit dort die Prozessabläufe besser gesteuert werden können. Das unterscheidet SORMAS von vielen anderen digitalen Systemen. Zugleich werden auch viele Daten hochstandardisiert generiert und ausgewertet.

Als Epidemiologe sind Sie im Moment stark in das weltweite Geschehen involviert. Wie sehr hat sich Ihr Alltag in Zeiten von Corona verändert?

Kurz gesagt, habe ich sehr, sehr viel mehr Arbeit als sonst. Wir begleiten gerade zahlreiche Studien, die üblicherweise auf drei bis fünf Jahre terminiert sind, und die jetzt teilweise in zwei Monaten durchgezogen werden müssen. Das ist einerseits schön, weil die Projekte schnell vorankommen und auch von der Politik unterstützt werden. Aber die Pandemie stellt anderseits auch hohe Ansprüche an das ganze Team. Es ist ein enormer Organisationsaufwand.

Sie haben, noch bevor die WHO Covid-19 zur Pandemie erklärt hat, SORMAS um die Erfassung von Covid-19 angepasst. Haben Sie das Geschehen vorhergesehen?

Das war sogar deutlich früher. Es war ja bald klar, dass die Krankheit sich über die chinesischen Grenzen hinweg ausbreiten würde. SORMAS ist so modular gebaut, dass es sich leicht anpassen ließ in den Ländern, in denen es bereits im Einsatz war – Ghana und Nigeria. Dadurch hatte das Programm in den beiden Ländern schon eine Covid-19-Funktion, noch bevor es die ersten Corona-Fälle dort gab.

Sind Sie weiterhin an Projekten in Afrika beteiligt?

In den Ländern, in denen SORMAS bereits installiert wurde, sowieso. In Nigeria und Ghana wurde SORMAS schon für andere Epidemien sehr erfolgreich eingesetzt. Burkina Faso und die Elfenbeinküste kommen jetzt, hier betreuen wir das ganze aus der Ferne.

Dürften Sie als Wissenschaftler denn derzeit reisen?

Nein, die Reisebeschränkungen betreffen uns auch. Wir haben unsere Maßnahmen, Steuerung und unsere Kommunikation komplett auf online umgestellt. Die Partner in Ghana und Nigeria sind gut eingearbeitet, das war problemlos.

 

Wie nehmen Sie die Entwicklung der Pandemie in Afrika wahr?

Vor allem die wirtschaftlichen Folgen sind durch die staatlichen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Mobilitätsbeschränkungen massiv. Auf die Versorgungslage der Menschen und das Überleben wirkt sich das dramatisch aus. Die indirekten Folgen der Pandemie sind dort viel dramatischer als beispielsweise in Europa. Dennoch scheint die Sterblichkeit nicht viel höher zu sein als in Europa, zum Teil sogar niedriger.

Was wir in Afrika tun, hat direkte Auswirkungen. Dort ist das Potenzial hoch, Krankheiten zu vermeiden.

Gérard Krause, Professor für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Sie haben schon einige Epidemien in Afrika miterlebt und erfolgreich an deren Eindämmung mitgewirkt. Was reizt Sie an der Arbeit in Afrika besonders?

Unabhängig von der Pandemie ist der Bedarf in Afrika so groß, dass man viel größere Hebel hat. Was wir in Afrika tun, hat direkte Auswirkungen. Dort ist das Potenzial hoch, Krankheiten zu vermeiden. Das reizt und motiviert mich. Die Arbeit ist gleichzeitig sehr komplex und man braucht eine hohe Frustrationstoleranz, alles ist viel weniger planbar, es ist riskanter und mühsamer. Viele Projekte nehmen einen anderen Verlauf, als man es eigentlich geplant hatte. In Afrika sind die Herausforderungen so mannigfaltig, dass man schon mit kleinen Maßnahmen einen großen Effekt erzielen kann.

Wie erleben Sie die Welt während der Pandemie?

Viele der Unterschiede zwischen den Nationen haben wir noch nicht verstanden – warum gibt es in einigen Ländern eine höhere Sterblichkeit als in anderen? Ich glaube, wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich ein sehr gutes und weitgehend gerechtes Gesundheitssystem. In vielen Ländern ist die Frage, ob man auf eine Intensivstation kommt, abhängig vom Einkommen. Ich fürchte, die Pandemie wird diese Unterschiede deutlich machen.

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