Vom überraschenden Erfolg des Unperfekten

Buch, Theaterstück und jetzt auch ein Film – „Tschick“ ist schon jetzt ein Klassiker. Von dem großen Erfolg am meisten überrascht wurde wohl der Autor selbst.

dpa/Aristidis Vafeiadakis - Fatih Akin

Restlos begeistert war Fatih Akin, als er Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ kurz nach dessen Erscheinen 2010 las. Alles an der Geschichte be­eindruckte den deutschen Regisseur, und bald bemühte er sich um die Filmrechte. Mit der nötigen und vom Autor immer gewünschten künstlerischen Freiheit setzte Akin die Romanvorlage in ein temporeiches Road­movie um. Der atmosphärisch dichte Film „Tschick“ zeigt zwei Jungs, die innerhalb weniger Tage mehr über das Leben lernen als zuvor in einem ganzen Schuljahr. Ein Jugendfilm ist er deshalb keineswegs.

 

Das kleine Wunder „Tschick“ verdankt die deutsche Literatur einem traurigen Umstand. Als Wolfgang Herrndorf im Frühjahr 2010 unvollendete Projekte sichtete, um zu entscheiden, welche in kürzester Zeit veröffentlicht werden könnten, war kurz zuvor in seinem Kopf ein Tumor entdeckt worden. Kein Arzt konnte ihm sagen, wie viel Lebenszeit ihm noch zur Verfügung stünde. Er entschied sich für die Überarbeitung der sechs Jahre zuvor in wenigen Tagen runtergeschriebenen 150 Seiten eines Jugendromans. 

Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow, ist russischer Spätaussiedler und der Neue in der Schulklasse von Maik Klingenberg, dem 14-jährigen Ich-Erzähler des Romans. Tschick kommt aus prekären Verhältnissen, der Außenseiter Maik hat zwar Eltern mit Geld, aber der Vater macht Urlaub mit der Geliebten, die Mutter Alkoholentzug. Die Sommerferien beginnen und Tschick klaut ein altes Auto der russischen Marke Lada. Die beiden machen sich von Berlin aus auf den Weg in den Süden. Sie landen in der bizarren Welt des Braunkohletagebaus, treffen überraschend freundliche Menschen, bauen Unfälle und sind immerzu auf der Flucht vor der Polizei. Nichts ist wirklich überraschend in diesem Roman, doch alles ist verblüffend frisch und so erzählt, als sei es gerade zum ersten Mal in der Weltgeschichte geschehen. 

Herrndorf hatte zur Geschichte von Maik und Tschick ein ambivalentes Verhältnis. „Ob die mühsam zusammengeschraubten Kapitel der letzten Wochen etwas taugen, weiß ich nicht“, schrieb er in seinem Tagebuch-Blog „Arbeit und Struktur“. Der Roman sei größtenteils „stilistisch fragwürdige Pennälerprosa mit Allerweltseinfällen, als Ganzes strukturlos“. Womöglich aber hat gerade der Umstand, dass Herrndorf das Buch möglichst schnell erscheinen lassen wollte, zu seinem Erfolg beigetragen, blieb doch kaum Zeit zum abermaligen Überdenken und Redigieren. Noch im fertig gedruckten Buch findet der Autor zu seinem Entsetzen inhaltliche Fehler. Dabei rührt 

der Zauber des Romans unter anderem genau von dieser Nichtperfektion, von nicht glatt geschliffenen Kanten und allerlei Merkwürdigkeiten. Zur Verblüffung des Autors erntete der Roman nach seinem Erscheinen Anfang Oktober 2010 fast durchweg positive Kritiken, Felicitas von Lovenberg prophezeite in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen.“ 

Tatsächlich ist „Tschick“ innerhalb kürzester Zeit zu einem Klassiker geworden. Sein Siegeszug ist auch darauf zurückzuführen, dass der Roman ein seelisches Bilder- und Gefühlslagenreservoir anzapft, das bei jedem Menschen vorhanden ist. Selten genug kommt es vor, dass Kritikerfavoriten auch zu Leselieblingen werden, aber bei „Tschick“ ließ der kommerzielle Erfolg nicht auf sich warten. Herrndorfs Roman wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist mittlerweile in 26 Ländern erschienen. Als der Autor 2013 den Kampf gegen den Tumor aufgab und selbstbestimmt aus dem Leben schied, waren mehr als eine Million Bücher verkauft. Fast noch verblüffender ist der Erfolg der Bühnenversion. In der Fassung des Dramaturgen Robert Koall wurde „Tschick“ mit 764 Aufführungen in 29 Inszenierungen das meistgespielte Stück der Spielzeit 2012/2013. Und auch in den Jahren darauf schlug das Roadmovie-Kammerspiel Goethe, Schiller und Shakespeare mit beeindruckenden Besucherzahlen. 

Es ist zu vermuten, dass die gerade erschienene illustrierte Ausgabe von Laura Olschok nicht der letzte Versuch ist, Herrndorfs Charaktere bildnerisch nachzuempfinden. Auch Fatih Akins Verfilmung wird das Buch noch weiter popularisieren. Das ungleiche Freundespaar Maik und Tschick hält die Erinnerung wach an einen wunderbaren Autor, der das Buch ohne seine Krankheit vielleicht nie vollendet hätte. ▪