Auf dem Landweg der aufgehenden Sonne entgegen

Wie Walter J. Lindner, deutscher Botschafter in Indien, das Land in den 1970er-Jahren für sich entdeckte.

Walter J. Lindner, deutscher Botschafter in Indien
Walter J. Lindner, deutscher Botschafter in Indien privat

Herr Lindner, Sie sind seit April 2019 deutscher Botschafter in Indien, und stellen sich auf der Website so vor: „Seit ich Indien als 21-jähriger mit dem Rucksack und viel Zeit bereist hatte, blieb mir das Land und seine Menschen nah am Herzen.“ Was hat Sie damals an Indien fasziniert?
Die Indien-Faszination teilte ich mit vielen meiner Generation. Proteste gegen den Vietnamkrieg, Open-Air-Rockfestivals und Lektüre von Herman Hesses „Siddartha“ gehörten zur Hippie-Bewegung wie die Pink-Floyd-Teestube und Magic Mushrooms. Als Musiker kam für mich das Solidaritätskonzert für die Flutopfer in Bangladesch hinzu, das am 1. August 1971 im New Yorker Madison Square Garden vor 40.000 Zuschauern George Harrison, Eric Clapton und andere unserer Rock-Ikonen mit den indischen Ausnahmemusikern um Ravi Shankar zusammenbrachte. Ich sah dies – wie Zigtausende meiner Generation – als 15-Jähriger im Fernsehen und war danach beseelt von einer Entdeckung Indiens.

Und sind Sie dann hingefahren?
Fünf Jahre später hatte ich durch Taxifahren, LKW-Überführungen und Zivildienst genug Geld zusammen, um mich über Land auf den Weg in Richtung aufgehender Sonne zu machen. Als ich nach sechs anstrengenden Monaten durch die Türkei, Iran, Afghanistan und Pakistan endlich in Indien ankam, musste ich zunächst meine idealisierten Stereotypen und Erwartungen zurechtrücken: Weder saßen alle Menschen zum Meditieren unter Bodhi-Bäumen, noch gab es Stille zur Erleuchtung, noch war ich auf die Menschenmengen und Armut vorbereitet. Erst nach vielen Monaten und Reisen von Amritsar bis Kerala und Kalkutta kam ich einem ausgewogeneren Urteil etwas näher.

Was hat Sie geprägt, was haben Sie mitgenommen?
Was nach vier Jahren Reise um die Welt blieb, war ein lebenslanges Hingezogensein zu einem Indien der Widersprüche, der Explosion der Sinne, der Prallheit an Leben, der allgegenwärtigen Spiritualität. Denn klar ist: Indien war und ist kein leichtes Reiseziel, es empfängt einen nicht mit einlullendem Wohlgefühl. Nein, Indien überfällt einen regelrecht mit Farben, Gerüchen, Geräuschen, Begegnungen und den intensivsten Eindrücken – und die sind sehr oft anstrengend und nicht leicht zu verarbeiten.

Indien überrascht immer wieder mit intensiven Eindrücken.
Indien überrascht immer wieder mit intensiven Eindrücken. privat

Auf ihrer Website schreiben Sie auch „Nun schließt sich ein Kreis und ich kann die sehr engen Beziehungen zwischen unseren Ländern noch intensiver gestalten.“ Was hat sich verändert?
Natürlich hat sich Indien in den 42 Jahren, seit ich erstmals dort war, enorm verändert. Hochhäuser, Metros, IT-Zentralen, beeindruckende Infrastruktur und ein urbaner Lebensstil der von Digitalisierung, modernen Autos und Social Media geprägt ist – wie heute beinahe überall auf der Welt. Dennoch, für die indische Kultur mit ihren 7000 Jahren sind 40 Jahre eben auch nur ein winziger Zeitraum. Natürlich bleiben die atemberaubenden Kunstwerke, Tempel, Schreine, Moscheen, Paläste und Forts weiterhin Magnete für Millionen, werden die unzähligen Feste und Riten gefeiert, bleibt das Land ein Wunder an Vielfalt und Tiefe. Ein Gang entlang der Gaths von Varanasi oder in den Gewürzmarkt von Alt-Delhi ist wie eine Zeitreise in frühe Jahrhunderte – und doch sind sie lebendigster Alltag im Indien von heute.

Im Vergleich zu China beispielsweise steht Indien nicht so sehr im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland. Woran liegt das? Und wo sehen Sie Potenzial?
Es stimmt: Indien könnte und sollte in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands oder Europas noch deutlich zulegen. Gerade in einer krisengeschüttelten Welt – nehmen Sie Iran, Syrien, die Flüchtlingssituation im Mittelmeer und Nordafrika, aber auch den Brexit – sollten wir noch mehr die Chancen und das Potenzial sehen, das in unserem Verhältnis zu Indien besteht.

Jeder fünfte Mensch auf dem Globus ist Inder. Die Bevölkerung ist außerordentlich jung. Die Beziehungen zu Deutschland sind sehr gut: Über 21 Milliarden Euro Handelsvolumen, mehr indische Studenten in Deutschland als in England  und ein gemeinsamer Einsatz für die Reform des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen im Rahmen der „Gruppe der Vier“, um nur ein paar Punkte zu nennen.

Sie gelten als etwas „anderer Diplomat“, machen aktiv Musik und tragen lange Haare. Wie interpretieren Sie ihren „Job“?
In einer doch noch sehr protokollarischen und hierarchischen Welt der Diplomatie mag jemand auffallen, dem eher die Aura eines Rockmusikers anhaftet. Dabei liegt das Geheimnis nur in Authentizität und dem Auf-dem-Boden-bleiben. Ich bin eben auch Musiker. Daran konnten weder das juristische Examen noch die diplomatischen Titel des Botschafters oder Staatsekretärs etwas ändern. Dies ist auch in Indien so. Und wenn Sie meinem Twitter-Account folgen, liege ich damit nicht so verkehrt.

Interview: Martin Orth

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