Vom Heimatgefühl des Bauches

Was ist Heimat, wo ist Heimat? Wir haben drei Menschen gefragt, die von Deutschland aus in die Welt gezogen sind.

Walter J. Lindner ist deutscher Botschafter in Indien.
Walter J. Lindner ist deutscher Botschafter in Indien. picture alliance/dpa

Heimat ist, wo ich meine Wurzeln spüre

„Seit meine Tochter ausgezogen ist, meine Eltern und mein Bruder verstorben sind, hätte ich nach dem 14. transkontinentalen Umzug nun fast gesagt: Mein Zuhause ist dort, wo meine Möbel stehen. Aber zunehmend schleicht sich auch ein anderes Gefühl ein: sich heimisch fühlen, kulturelle Wurzeln spüren. Und das kann von einer reschen Butterbreze, einem Bach-Konzert in der Thomaskirche bis zum Morgenspaziergang im launigen Friedrichshainkiez ausgelöst werden. Dieses Heimatgefühl des Bauches stellt sich in fernen Gefilden nur selten ein. Also entspricht meinem Heimatbegriff ein tolerantes und buntes Deutschland, mit einer starken Prise anhaltender Reiserei an ferne Gestade.“

Der etwas andere Diplomat: Walter J. Lindner im Interview

Walter J. Lindner
Walter J. Lindner, 62, stammt aus München. 1988 trat er in den diplomatischen Dienst ein. Seit April 2019 vertritt er die Bundesrepublik Deutschland als Botschafter in Indien. Und er ist leidenschaftlicher Musiker.

Heimat ist, wo meine Familie lebt

„Heimat ist für mich kein Ort, eher ein Gefühl. Mit Trier, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, verbinde ich Familie, die Schulzeit und die Freunde, die mich geprägt haben. Das ist ein Heimatgefühl. Brüssel ist erst zur Heimat geworden, als ich eine Familie gegründet habe. Erst durch die Kinder haben wir hier Wurzeln geschlagen. Insofern: Heimat ist die Familie, egal wo sie lebt.“

 Gina Braun-Friderici
Gina Braun-Friderici, 41, ist in Trier aufgewachsen, hat in Saarbrücken und Frankreich studiert und arbeitet seit 2003 für das EU-Parlament in Brüssel.

Heimat ist, wo ich herkomme

„Heimat ist für mich da, wo ich herkomme und verwurzelt bin – in Heppenheim. In der Jugend und Schulzeit habe ich dort meine wichtigsten Erfahrungen gesammelt, Freundschaften geschlossen und Erinnerungen gesammelt, die bis heute Bestand haben. Dorthin zieht es mich immer wieder zurück. In Shanghai fühle ich mich sehr wohl, auch hier habe ich viele soziale und berufliche Kontakte. Aber für mich ist ,zweite Heimat‘ eine Floskel. Es gibt nur eine Heimat.“

Dietmar Winter
Dietmar Winter, 55, wuchs in Heppenheim auf, studierte in den 1990er-Jahren in China, lebt seit 2000 in Shanghai und leitet dort eine deutsche Firma.

Protokolle: Martin Orth

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