ARA_Videoprojekte_Syrer_13062017

Lachkrampf mit Lerneffekt

In zwei Video-Serien erklären Geflüchtete, wie man sich in Deutschland schnell zurechtfindet – und wie lustig Unterschiede zwischen Deutschen und Syrern sein können.
von Hendrik Bensch

Fahrkartenautomaten haben schon so manchen Nutzer fast zum Verzweifeln gebracht. Ist das All-around-Ticket auch für die Zone 5 gültig? Wie viele Stationen kann ich wohl mit einem Kurzstreckenticket fahren? Und: Lohnt sich das 4-Fahrten-Ticket für mich wirklich? Schon wer in einer anderen deutschen Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, blickt häufig nicht sofort durch. Wer nicht aus Deutschland kommt, hat es umso schwerer. Und so steht Deiaa Abdullah am Bahnsteig und muss sich durchfragen. Deiaa kommt aus Syrien und spielt gerade nur den Ratlosen. Die Szene ist Teil der Youtube-Serie „Lass uns lernen!“ von Rody Almahmoud. Mit seinen Videos möchte der syrische Filmemacher Geflüchteten den Start in Deutschland erleichtern.

Die Szene am Fahrkartenautomaten hat Almahmoud aufgegriffen, weil es eine typische Situation ist, die Geflüchtete am Anfang vor Probleme stellt. Seine Hauptfigur lässt er viele solcher Alltagssituationen durchleben: Wie melde ich mich bei der Krankenkasse an? Wie finde ich eine Wohnung? Wie eröffne ich ein Konto? Das sind die Fragen, vor denen Deiaa steht. Mit seinen Filmen hilft Almahmoud seinen Zuschauern nicht nur, ihren Wortschatz zu erweitern und die deutsche Grammatik besser zu lernen. „Ich möchte den Leuten auch helfen, die Kultur besser zu verstehen und ihnen erklären, wie Deutsche so denken“, sagt der in Köln lebende Almahmoud. „So kann man dann leichter Kontakte knüpfen.“

Zehntausende Zuschauer

Denn gerade das Kontakteknüpfen war mit das Schwierigste am Anfang, erzählt der 30-Jährige. Er fing deshalb schnell an, Deutsch bei der Volkshochschule (VHS) zu lernen und in der Deutschberatung der Einrichtung mitzuhelfen. Mit „Lass uns lernen!“ möchte er auch anderen Menschen helfen, die Sprachstufen B1 und B2 zu erreichen. Und das sind sehr viele: Über den Youtube-Kanal von Deiaa, der Geflüchtete mit seiner eigenen Serie ebenfalls beim Deutschlernen unterstützt, erreicht Almahmoud mit jeder Folge Zehntausende Zuschauer.

Noch erfolgreicher mit ihren Videos sind die beiden Syrer Abdul Abbasi, 22 Jahre alt, und Allaa Faham, 20 Jahre alt, – wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Auf ihrem Youtube-Kanal German LifeStyle GLS überzeichnen sie in Sketchen und Experimenten Stereotype von Deutschen und Syrern – und sorgen so mit Humor für ein besseres Verständnis füreinander. „Wenn Menschen Angst vor dem Unbekannten haben, müssen wir einen Weg finden, diese zu überwinden, um überhaupt einen Austausch zu ermöglichen“, sagt Abdul Abbasi. „Humor ist da ein einfaches und sehr effektives Mittel.“

Die Themen für ihre Videos finden sie vor allem im Alltag. Häufig entsteht das Komische in ihren Filmen durch die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Syrern. Ob beim Flirten, bei der Begrüßung oder zum Beispiel beim Bezahlen im Restaurant. „In Syrien ist es üblich, dass eine Person die Rechnung für alle begleicht und man sich sogar ein bisschen darum streitet, wer das darf“, berichtet Allaa Faham. „In Deutschland wird alles auseinander gerechnet.“ Wie absurd das wirken kann, haben sie in einem lustigen Video herausgearbeitet. Manchmal schlagen sie aber auch nachdenkliche Töne an; so wie etwa in dem Video, in dem sich Faham an Deutsche wendet, die Angst vor Flüchtlingen haben.

Ihre Herangehensweise kommt offensichtlich sehr gut an. „Wir hören oft, dass es den Leuten gefällt, dass wir beide Kulturen ein bisschen aufs Korn nehmen“, sagt Abbasi. Und da die Videos immer beide Sprachen berücksichtigen, erreichen sie sowohl Deutsche als auch Syrer. Mittlerweile haben Abbasi und Faham mehr als 100.000 Fans auf Facebook und bekommen viele positive Kommentare: „Ihr seid Vermittler zwischen den Kulturen, ihr eint, wo andere nur trennen. Chapeau!“

Die beiden Youtube-Stars sind aber nicht nur im Netz als Vermittler aktiv. Sie engagieren sich auch in Projekten wie „Life back home“. An deutschen Schulen erzählen sie ihre persönliche Geschichte: Wie war das Leben in Syrien vor dem Bürgerkrieg, während des Bürgerkriegs, und wie ist ihr Leben heute in Deutschland? So erreichen sie insbesondere junge Menschen mit ihrer Botschaft und ihrer Mission: Aufeinander zugehen – Vorurteile ablegen – Friedlich miteinander leben! Für ihr Engagement für Integration wurden Abbasi und Faham 2016 mit der Integrationsmedaille der Bundesregierung ausgezeichnet.

Geduld auf beiden Seiten

Trotz des großen Erfolgs, wäre es den beiden am liebsten, wenn sie keine neuen Filme mehr drehen müssten. „Natürlich wäre es toll, wenn wir möglichst bald sagen können: Wir sind fertig, unsere Videos sind nicht mehr notwendig“, sagt Allaa Faham. „Aber ich glaube, wir brauchen auch Geduld auf beiden Seiten.“ Und so machen sie weiter – und touren mittlerweile mit einem eigenen Bühnenprogramm durch Deutschland.

Beruflich wollen die beiden später einmal unterschiedliche Wege einschlagen. Abdul Abbasi will Zahnarzt werden und studiert gerade in Göttingen. Medientechnik-Student Faham hingegen will das Filmen zum Beruf machen – so wie auch Rody Almahmoud. Mit seinen Videos möchte Almahmoud seinem persönlichen Ziel einen Schritt näher kommen: eine Ausbildung oder einen Job in der Filmbranche ergattern. Filmen, schneiden, Tonaufnahme, Drehbuch – das macht Rody Almahmoud schon alles alleine. „Mit der Serie kann ich zeigen: Das kann ich“, sagt er. Und den ersten Auftrag hat er auch schon bekommen: Für die VHS hat er einen Imagefilm gedreht.

von Hendrik Bensch

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