„Oben dachte ich erst: Ganz schön hoch”
Skispringer Philipp Beckmann fliegt mehr als 100 Meter weit. Der 16-Jährige erzählt, wie er trainiert, mit Angst umgeht und was er im Skiinternat Willingen lernt.
„Kurz bevor ich in den Anlauf gehe, werde ich ganz ruhig. Ich sitze auf dem Balken, blicke die Spur hinunter und denke an meinen Sprung – nicht an die Weite, nicht ans Ergebnis, nur an das, was gleich kommt: Anfahrt, Absprung, Flug. Dann stoße ich mich ab. In diesem Moment bin ich frei von allem, was sonst im Kopf ist. Diese Ruhe dauert ein paar Sekunden. Dann kommt der Boden zurück. Ich setze die Ski auf, fange den Aufprall ab, fahre aus. Der Sprung ist vorbei. Danach läuft der Tag weiter.
Mein Alltag am Skiinternat in Willingen ist eng getaktet: Frühstück um sieben, Schule bis mittags, danach Essen, Hausaufgabenbetreuung, manchmal Förderunterricht. Am Nachmittag Training, meist bis in den frühen Abend. Viel Zeit bleibt nicht, aber das ist in Ordnung – so läuft es hier für alle.
Leben im Skiinternat: Wie eine zweite Familie
Wir haben ein großes Ziel: in unserem Sport immer besser zu werden. Oft ist es auch okay, wenn man in der Hausaufgabenzeit nicht nur paukt, sondern auch mal lacht und quatscht, um auf andere Gedanken zu kommen. Die Trainer arbeiten nicht mit Druck – sie sagen uns: ‚Ihr müsst es selbst wollen.‘ Im Internat habe ich ein eigenes Zimmer. Abends essen wir alle zusammen, spielen Gesellschaftsspiele oder reden einfach. Die Betreuung ist eng, es ist immer jemand für uns da. Wie eine zweite Familie.
Eigentlich wollte ich Biathlet werden. Beim ersten Probetraining auf der Schanze war dann sofort klar, dass Skispringen mein Sport ist. Oben dachte ich erst: ‚ganz schön hoch‘. Unten angekommen, wollte ich direkt wieder hoch. Dieses Gefühl im Anlauf, wenn für einen Moment alles andere verschwindet, lässt sich kaum erklären.
Keine Angst vorm Sprung
Inzwischen springe ich große Schanzen, auch über hundert Meter weit. Mein weitester Sprung lag bei mehr als 135 Metern. Angst habe ich keine, aber Respekt – mit Angst wird man unsicher, und Unsicherheit kann gefährlich werden. Vor jedem Sprung habe ich mein kleines Ritual: Ich stelle mir einen perfekten Flug vor, zum Beispiel von meinem Vorbild Daniel Huber, dem österreichischen Skispringer. Die Trainer wissen, was wir draufhaben. Sie sagen: ‚Macht einfach genau das, was ihr könnt.‘ Die Abläufe im Anlauf, in der Luft und bei der Landung kann ich im Schlaf. Das gibt mir Sicherheit.
Wir sind oft unterwegs, lernen neue Orte und Schanzen kennen. Letztes Jahr war ich auf einem Lehrgang in Slowenien, am Wochenende geht’s nach Seefeld in Österreich zum Wettkampf. Das gehört dazu und ist spannend – Reisen, Busfahrten, neue Schanzen, neue Bedingungen.
Meine Lieblingsschanze steht in der Nähe von Kranj in Slowenien. Ich mag das Profil – oben eher flach, dann wird’s nach unten immer steiler. Und wenn man da oben sitzt, hat man dieses Panorama. So ein Bild vergisst man nicht.
Mein großer Traum: In ein paar Jahren möchte ich im Weltcup springen, natürlich auch einmal von der Mühlenkopfschanze hier in Willingen. Bis dahin trainiere ich weiter. Schritt für Schritt, Sprung für Sprung.“
Das Skiinternat Willingen
Das Skiinternat Willingen ist Teil der Uplandschule, einer Eliteschule des nordischen Skisports im Sauerland. Das Internat bietet Platz für 13 Jugendliche. Finanziert wird es über eine Mischung aus Landesmitteln, Sportförderung und Elternbeiträgen. Für Leistungssportler gibt es flexible Modelle wie das Abitur in vier Jahren, um Schule und Training realistisch zu verbinden. Eine zentrale Rolle spielen die Lehrertrainer: Sie koordinieren Schule, Training und Wettkämpfe, betreuen die Sportlerinnen und Sportler persönlich und sorgen dafür, dass sportliche Anforderungen und schulische Leistungen miteinander vereinbar bleiben.