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„Europa ist ein Kontinent der Ideen“

Bundesministerin Johanna Wanka über den Europäischen Forschungsraum und die Programme „Horizont 2020“ und „Erasmus+“.

Frau Ministerin, als erstes EU-Mitgliedsland hat Deutschland eine eigene Strategie zur weiteren Ausgestaltung des Europäischen Forschungsraums vorgelegt. Was sind die wichtigsten Ziele dieser Strategie?

Europa ist für einen erfolgreichen deutschen Forschungsstandort von großer Bedeutung, denn nur in europäischer Zusammenarbeit mit einem attraktiven, leistungsfähigen gemeinsamen Forschungsraum wird es uns gelingen gegenüber anderen forschungsstarken Weltregionen in Zukunft zu bestehen. Ziel der Mitte Juli 2014 vom Kabinett beschlossenen Strategie der Bundesregierung zum Europäischen Forschungsraum ist es daher, die Vertiefung des Europäischen Forschungsraums aktiv voranzutreiben. So werden wir beispielsweise große europäische und internationale Themen wie die Alterung der Bevölkerung, neurodegenerative Erkrankungen, zum Beispiel Alzheimer, Klimawandel oder Fragen der ­gesunden Ernährung in Zukunft noch stärker in länderübergreifenden Forschungsprogrammen untersuchen – den „Joint Programming Initiatives“. Zur Strategie gehört auch, große Forschungsin­frastrukturen paneuropäisch aufzubauen, wie beispielsweise die European Spalla­tion Source (ESS) im schwedischen Lund. Mit der ESS haben Deutschland und 15 weitere europäische Staaten den Aufbau der weltweit modernsten Forschungseinrichtung mit einer neuartigen Neu­tronenquelle vereinbart. Auch der freie, grenzüberschreitende Austausch von Wis­sen ist ein Kernelement des Europäischen Forschungsraums. Deshalb wollen wir die Wege des offenen Zugangs – Open Access – zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, Daten und Publikationen ausbauen, die aus öffentlich finanzierten Vorhaben entstanden sind.

Was macht den Europäischen Forschungsraum, kurz EFR, im weltweiten Wettbewerb attraktiv?

Europa produziert nahezu 30 Prozent des weltweiten Wissens – bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von circa sieben Prozent. Die Zahlen zeigen: Europa ist ein Kontinent der Ideen. Der Europäische Forschungsraum baut dabei auf der Vielfalt der Forschungssysteme der EU-Mitglieds­staaten auf und eröffnet die Möglichkeit, länderübergreifend in exzellenten Teams an Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen von Weltklasse wie zum Beispiel unseren Max-Planck-
Instituten zu forschen und führende Forschungsinfrastrukturen zu nutzen. Diese Vielfalt exzellenter Forschungsmöglichkeiten bietet nur Europa.

Deutschlands EFR-Strategie spricht auch Defizite an – etwa bei der Entwicklung eines offenen Arbeitsmarktes für Forscherinnen und Forscher. Wie kann man dieser Herausforderung begegnen?

Der offene Arbeitsmarkt für Wissenschaftler ist ein wichtiges Handlungsfeld unserer Strategie. Hier stehen für uns die Mobilitätsbedingungen für Forscherinnen und Forscher im Fokus. Zudem gilt es, Karrierewege in Wissenschaft und Forschung planbarer und transparenter zu gestalten. Forscherinnen und Forscher brauchen beispielsweise verlässliche Informationen zu ihrer Altersvorsorge, wenn sie, beruflich bedingt, von einem Land in ein anderes umziehen. Auch die Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses wollen wir verbessern und die strukturierten Doktorandenprogramme ausbauen. Interessante Arbeits- und Forschungsbedingungen und eine offene Willkommenskultur machen Deutschland und Europa für die besten Talente aus aller Welt attraktiv.

Welche Rolle kommt der deutschen Forschungs- und Wissenschaftslandschaft im Europäischen Forschungsraum zu?

Eine ganz entscheidende! Wir haben den Europäischen Forschungsraum in der Vergangenheit gemeinsam erfolgreich gestaltet und sind insgesamt auf einem guten Weg bei seiner weiteren Vertiefung. Das Engagement unserer Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen ist von wesentlicher Bedeutung, um die Ziele unserer Strategie zum Europäischen Forschungsraum zu realisieren. Unsere geplanten Maßnahmen müssen nun mit Leben gefüllt und umgesetzt werden. Das schaffen wir nur in einer vertrauensvollen und engen Partnerschaft aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Wissenschaft.

Das neue EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ führt alle forschungs- und innovationsrelevanten Förderprogramme der Europäischen Kommission zusammen. Worin bestehen die Chancen dieser Bündelung?

Aus Ideen müssen mittel- und langfristig Arbeitsplätze entstehen. Das ist nur möglich, wenn Forschung und Innovation die gesamte Innovationskette abdecken, von der Grundlagenforschung bis hin zur angewandten und marktnahen Forschung. Diese Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft bietet nicht nur Forscherinnen und Forschern von Hochschulen und ­Forschungsorganisationen besonders attraktive Chancen, sondern bezieht auch kleine und mittlere Unternehmen mit 
ein. In Deutschland verfolgen wir diesen Weg mit der Hightech-Strategie schon lange und haben nicht zuletzt deswegen im Kabinett eine „Neuauflage“ dieser Strategie beschlossen. Wir freuen uns, dass wir unsere Erfahrungen nun erfolgreich auf europäischer Ebene einbringen konnten.

Die Forschung ist einer der wenigen Bereiche im EU-Haushalt, in denen die Budgets gestiegen sind. Was erwartet die Politik für die Bereitstellung der Mittel von der Wissenschaft?

Forschung stellt Fragen und bietet Lösungsansätze. An drängenden Zukunftsfragen und der Erwartung an die Wissenschaft, Lösungen anzubieten, mangelt es nicht. Wie sieht beispielsweise die umweltverträgliche und intelligente ­Mobilität der Zukunft aus, wie können wir Ressourcen und Rohstoffe effizienter nutzen? Für das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“, das Anfang 2014 gestartet ist, wurden gegenüber dem Vorgängerprogramm rund 25 Prozent mehr Mittel bereitgestellt. Das Gesamtvolumen von „Horizont 2020“ beläuft sich ­damit für den Zeitraum von 2014 bis 
2020 auf circa 77 Milliarden Euro. Die deutsche Wis­senschaft hat sich bereits stark eingebracht. Wir erwarten, dass unsere Forscherinnen und Forscher auch weiter durch anspruchsvolle und wegweisende Anträge von den deutlich erhöhten Mitteln Gebrauch machen und so belastbare Lösungsansätze für die großen Herausforderungen der Zukunft erarbeiten.

Hat die innovations- und technologie­orientierte Forschung Vorrang vor allgemeiner Grundlagenforschung?

„Horizont 2020“ bietet Raum und Möglichkeiten für die Entstehung von Innovationen, unabhängig von Fachdisziplinen und Technologiebereichen. Die Struktur und die ausgewählten Themen erfordern die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Forschungsrichtungen. Innovative, technologisch ausgerichtete Forschung ist dabei kein Gegensatz zu allgemeiner Grundlagenforschung, sondern ergänzt diese. Europa braucht kreative Ideen, aus denen konkrete Innovationen entstehen können. Damit schaffen wir Zukunftschancen und Arbeitsplätze für morgen.

Wie sind deutsche Akteure bisher in „Horizont 2020“ eingebunden?

Erfahrungen aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm zeigen: Das Interesse in Deutschland ist groß, gemeinsam mit europäischen Partnern in Verbundprojekten des EU-Forschungsrahmenprogramms mitzuwirken. Im 7. Forschungsrahmenprogramm waren deutsche Einrichtungen an über 7000 Projekten beteiligt. Deutsche Forschungsorganisa­tionen wurden durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereits intensiv eingebunden, als es um die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung des neuen Programms „Horizont 2020“ ging. Da die ersten Ausschreibungen in „Horizont 2020“ gerade erst ab­geschlossen sind, liegen uns noch keine belastbaren Ergebnisse über den Erfolg von Antragstellern aus Deutschland vor. Es zeigt sich jedoch, dass das Interesse an den ersten Ausschreibungen hoch ist und deutsche Partner auch in zukünftigen EU-Projekten maßgeblich beteiligt sein werden.

Seit 1987 hat das erfolgreiche Erasmus-Programm der EU drei Millionen Studierende europaweit gefördert. Seit 2014 trägt Erasmus ein „Plus“ im Namen und bündelt alle Programme von der Schul- bis zur Erwachsenenbildung. Worin liegt der Mehrwert der neuen Ausrichtung von Erasmus+?

Schon das Vorläuferprogramm „Lebenslanges Lernen“ hatte die vier Einzel­programme zu den Bildungsbereichen ­gebündelt. Neu bei Erasmus+ ist – neben dem Namen – zunächst die Einbeziehung des EU-Jugend- und -Sportprogramms. Deutschland konnte sich dabei durch­setzen, dass die Markennamen wie ­Erasmus und Leonardo da Vinci erhalten bleiben. Daneben wurden die Verfahren für alle Programmbereiche vereinheitlicht und vereinfacht, die Durchlässigkeit zwischen ihnen erhöht und die Möglichkeit für bildungsbereichsübergreifende Projekte geschaffen. Hochschulen können nun leichter mit Berufsbildungseinrichtungen oder Schulen zusammenarbeiten. Nicht zuletzt wurden die Mittel für die Laufzeit bis 2020 auf rund 15 Milliarden Euro erheblich erhöht. Damit werden über vier Millionen vorwiegend junge Europäerinnen und Europäer von Erasmus+ profitieren ­können. ▪

Interview: Johannes Göbel

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