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„Man kann fast von einem Wunder sprechen“

Rolf Nikel, Vizepräsident des Deutschen Polen-Instituts, im Interview über die deutsch-polnische Partnerschaft, das Gedenken und anstehende Aufgaben.

Arnd FesterlingArnd Festerling, 14.04.2023
Rolf Nikel, Vizepräsident des Deutschen Polen-Instituts
Rolf Nikel, Vizepräsident des Deutschen Polen-Instituts © picture alliance/dpa

Herr Botschafter Nikel, seit Januar sind Sie Vizepräsident des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Welche Aufgaben hat das Institut?

Das Polen-Institut ist ein Zentrum für polnische Geschichte, für Politik und Gesellschaft. Wir versuchen, die Beziehungen mit unserem wichtigsten östlichen Nachbarn zu pflegen. Dies geschieht im Wesentlichen durch Programme in Deutschland und durch eine außerordentlich große Bibliothek, die zurückgeht auf den Gründer des Instituts, den großen Schriftsteller und Übersetzer polnischer Literatur, Karl Dedecius. Wir arbeiten dabei sowohl praxisorientiert, fördern aber auch die wissenschaftliche Kommunikation.

In besonderer Weise kümmert sich das Institut um den sogenannten Ort des Erinnerns und der Begegnung in Berlin. Dieser Ort wurde vom Deutschen Bundestag 2020 beschlossen und eine Expertenkommission hat diese Idee inhaltlich gefüllt und ausgearbeitet. Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Claudia Roth, setzt die Arbeit nun fort. Der Ort des Erinnerns und der Begegnung ist ein ganz wichtiges Element der deutsch-polnischen Verständigung und das Polen-Institut leistet hier einen wesentlichen Beitrag, um die Erinnerung an den millionenfachen Mord an Polinnen und Polen aufrechtzuerhalten. Da habe ich, wenn man so will, auch eine gewisse Kompetenz.

Die aus Ihrer Zeit als Botschafter in Polen herrührt?

Ja, zum einen, aber vor allem, weil ich Vorsitzender der Expertenkommission war, die sich um dieses wichtige Element der bilateralen Beziehungen gekümmert hat. Wir wollen versuchen, die Erinnerung aufrechtzuerhalten und wir wollen, dass auch junge Leute sich mit dem Thema beschäftigen. Beides kann aber nur dann stattfinden, wenn die Menschen sich mit dem Thema auch auseinandersetzen. Deswegen soll der Ort Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Besatzung in Polen und eine Stätte der Begegnung und Bildung zugleich sein.

Rolf Nikel stellt die Ergebnisse der Expertenkommission zum Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen vor.
Rolf Nikel stellt die Ergebnisse der Expertenkommission zum Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen vor. © picture alliance/dpa

Das Institut gibt es seit 1980, eine lange Zeit. Wie hat es sich um das deutsch-polnische Verhältnis verdient gemacht?

Es hat über die Jahre hinweg im Sinne von Karl Dedecius sehr dazu beigetragen, in Deutschland das Bild von Polen zu schärfen. Es hat Verständnis für Polen, für seine Menschen, für seine Gesellschaft geschaffen. Dazu tragen die sogenannten Polen-Analysen bei, die alle 14 Tage in Form einer Zeitschrift publiziert werden und aktuelle Probleme und Fragen aufgreifen. Oder das sogenannte „Polenmobil“, das in Schulen fährt und Schülerinnen und Schülern in Deutschland polnische Geschichte, polnische Kultur und Lebensweise näherbringt. Das alles führt zu einem besseren Verständnis.

Die Beziehungen sind viel besser als der Ruf, der ihnen vorauseilt
Rolf Nikel, ehemaliger deutscher Botschafter in Warschau

Stichwort Verständnis: Das deutsch-polnische Verhältnis auf politischer Ebene könnte besser sein?

Ja, aber ich möchte auch darauf hinweisen, dass die Beziehungen viel besser sind als der Ruf, der ihnen vorauseilt. Wenn Sie sich die Zivilgesellschaft anschauen, die zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit, den Jugendaustausch, die Städtepartnerschaften, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den östlichen Regionen, vor allen Dingen die der Polizeien, die Zollzusammenarbeit, all das funktioniert ganz hervorragend. Das gilt auch für die zweite wichtige Säule der Beziehungen, die sich in den letzten Jahren wirklich sehr dynamisch entwickelnden Wirtschaftsbeziehungen. Polen ist mittlerweile, je nachdem, ob sie Import oder Export betrachten, der viert- oder fünftgrößte Handelspartner Deutschlands und Deutschland wiederum ist der wichtigste Handelspartner Polens. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit funktioniert hervorragend und ohne Probleme.

Gemeinsame Grenze – gemeinsame Poilzeiarbeit: Beamte aus Polen und Deutschland
Gemeinsame Grenze – gemeinsame Poilzeiarbeit: Beamte aus Polen und Deutschland © picture alliance/dpa

Die Partnerschaft hat also ein stabiles Fundament, obwohl Deutschland Polen im Zweiten  Weltkrieg so viel angetan hat?

Ich glaube, dass wir hier fast von einem Wunder sprechen können. Das habe ich auch als Botschafter in Warschau immer wieder gesagt. Deutsche haben während des Zweiten Weltkriegs sechs Millionen Polinnen und Polen umgebracht, sie haben fürchterlich gewütet, Warschau ist fast völlig zerstört worden. Daher ist es umso bedeutsamer, dass sich seit Anfang der 1990er-Jahre eine wirkliche Partnerschaft entwickelt hat. Diese Partnerschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass beide Länder in der NATO und in der Europäischen Union sind. Zum ersten Mal in der Geschichte von Deutschland und Polen stehen wir auf derselben Seite. Das ist wirklich eine fantastische Entwicklung. Nehmen sie das deutsch-polnische Jugendwerk: Seit seiner Gründung 1991 haben drei Millionen junge Deutsche und Polen das jeweils andere Land besucht. Sie alle sind Botschafter und Botschafterinnen der guten deutsch-polnischen Beziehungen.

Jetzt besteht die Chance, eine gemeinsame europäische Ostpolitik zu betreiben
Rolf Nikel, Vizepräsident Deutsches Polen-Institut

Welche Aufgaben stehen noch an im deutsch-polnischen Verhältnis?

Wir haben jetzt, so zynisch es ist, eine gute Gelegenheit für einen wichtigen Schritt. Durch den völkerrechtswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine gibt es großen Druck, eine gemeinsame Ostpolitik zu formulieren. Die deutsche Politik hat hier in der Vergangenheit eine Reihe von schwerwiegenden und folgenschweren  Fehlern gemacht. Aber jetzt besteht die Chance, eine gemeinsame europäische Ostpolitik auf Augenhöhe zu betreiben. Das ist einerseits eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance, die wir nutzen sollten. Wichtig ist zudem die ständige Arbeit an dem Bekenntnis „Nie wieder“. Das dürfen wir Deutschen nicht vergessen und dem dient der Ort des Erinnerns und der Begegnung in Berlin. Natürlich wäre es auch schön, wenn Polen mit der Europäischen Union zu einer Lösung der rechtsstaatlichen Problematik käme. Das würde viel Energie für andere Dinge freisetzen. Und schließlich sollten wir uns, auch finanziell, mehr um die deutsche Minderheit in Polen und die polnischstämmigen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland kümmern, die nach dem Nachbarschaftsvertrag von 1991 die gleichen Rechte haben.

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Rolf Nikel ist Vizepräsident des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er war von 2014 bis 2020 deutscher Botschafter in Warschau. Nikel leitete als Vorsitzender die Expertenkommission zum Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen. Er veröffentlichte jüngst das Buch „Feinde Fremde Freunde: Polen und die Deutschen“.