Die kleine Revolution einer starken Frau

Die Afghanin Roya Mahboob hat die Informationstechnologie genutzt und in ihrem Land eine Modernisierungswelle ausgelöst.

picture-alliance/dpa - Afghanistan

Das Time Magazine zählt Roya Mahboob zu den 100 wichtigsten Personen der Welt. In einem Land, in dem viele Frauen nach wie vor ans Haus gebunden sind, bricht die afghanische IT-Unternehmerin kulturelle Traditionen auf: Direkt nach dem Studium, 2010, baute die Informatikerin eine Firma auf, die Software und Datenbanken für staatliche Institutionen entwickelt. Heute beschäftigt die Afghan Citadel Software Company (ACSC) in Herat 25 Angestellte, darunter 18 Frauen. Der 27-jährigen Geschäftsfrau geht es aber um mehr als den wirtschaftlichen Erfolg, sie gibt den Frauen in ihrem Land eine Stimme. Roya Mahboob richtet Schülerinnen separate Klassenräume mit Internet-Anschluss ein, sie schafft Bloggerinnen aus Afghanistan und Zentralasien mit der bilingualen Plattform „The Women´s Annex“ ein öffentliches Forum für ihre Aktivitäten und richtet derzeit einen Fernsehsender für Frauen ein. „Ihr Beispiel zeigt, was sich mit der Informationstechnologie in Afghanistan bewegen lässt“, sagt Dr. Nazir Peroz, Leiter des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZiiK) der TU Berlin. Hier, an der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik, hat Roya Mahboob nach dem Studium an der Universität in Herat eine sechsmonatige Ausbildung zur IT-Administratorin absolviert. „Ihr Ziel ist es, Frauen am Aufbau der nach Jahren der Zerstörung schnell wachsenden IT-Branche aktiv zu beteiligen“, sagt Peroz. Der aus Afghanistan stammende Informatiker arbeitet mit Mahboob in verschiedenen Projekten zusammen.

Seit 2007 bietet das ZiiK ein sechssemestriges Masterprogramm in Computer Science für afghanische Dozenten an. Es wurde zunächst von der Weltbank finanziert und wird heute aus Mitteln des Auswärtigen Amtes vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Höhere Bildung (MoHE) in Afghanistan umgesetzt. „Engagierte Unternehmer wie Roya Mahboob arbeiten eng mit den Universitäten in Afghanistan zusammen und brauchen gute Leute“, sagt Projektkoordinator Daniel Tippmann. „Wir bilden Multiplikatoren aus, die nach ihrer Rückkehr die Lehre an ihren Heimatuniversitäten verbessern.“ Zwei Jahrgänge mit insgesamt 48 Studierenden haben das Masterstudium bereits erfolgreich abgeschlossen, Anfang 2014 läuft die dritte Runde des Studiengangs an. Einige der Absolventen sind in führenden Positionen als Dekane, Prodekane oder IT-Leiter an ihren Hochschulen tätig und gestalten das Hochschulleben erfolgreich mit. Auch in der Ausbildung des akademischen Nachwuchses zeichnen sich bereits sichtbare Erfolge ab. „Wir stellen fest, dass sich die Bachelorausbildung an den afghanischen Informatik-Fakultäten von Generation zu Generation verbessert“, beobachten Peroz und sein Team in den Auswahlgesprächen mit afghanischen Bewerbern.

Das englischsprachige Masterprogramm ist gezielt auf die Bedürfnisse afghanischer Hochschulen zugeschnitten. Von der mangelhaften technischen Ausrüstung bis hin zu unsicheren und störanfälligen Internetverbindungen reichen die Herausforderungen, mit denen die Absolventen nach ihrer Rückkehr konfrontiert sind. Entsprechend praxisorientiert fallen die Themen der Masterarbeiten aus, die von den Studierenden im dritten Semester an ihren Heimatuniversitäten erarbeitet werden. So hat sich Saminullah Sameem von der Shaikh Zayed University die Frage gestellt, wie sich ein flächendeckendes Netzwerk von WLAN-Points schaffen lassen könnte, das selbst mobilen Nutzern überall auf dem Campus einen Anschluss ans Internet ermöglichen würde. Seine Kommilitonin Foawziah Naseri wiederum hat Feldforschung an der Universität Herat betrieben und ein exakt am Bedarf orientiertes Verwaltungssystem für Studentenwohnheime vorgestellt. Die Spannbreite der Themen, die von den Studierenden recherchiert werden, ist weit. Sie reicht vom Onlinesystem für Bibliotheken bis hin zur Vernetzung wissenschaftlicher Einrichtungen. Ein vom DAAD bereit gestellter Förderzuschuss schafft Anreize und den finanziellen Spielraum, die guten Ideen auch in die Tat umzusetzen.

Über die Jahre ist aus der deutsch-afghanischen Zusammenarbeit ein enges Netzwerk entstanden. „Für viele der afghanischen Studierenden ist die Ankunft in Deutschland erst einmal ein Schritt in eine fremde Welt“, erzählt Projektkoordinator Daniel Tippmann. „Die meisten sind zum ersten Mal auf sich gestellt, gehen einkaufen, müssen selbst die Wäsche waschen und kochen.“ Noch dazu ist alles ungewohnt – vom Wetter über die unbekannte Sprache bis hin zum Essen. Neben den Fachdozenten steht den Studierenden deshalb ein Kulturbetreuer als Ansprechpartner zu Verfügung. Er hilft bei bürokratischen Fragen weiter, organisiert Besuche in Theater oder Museen und macht die Gäste aus Afghanistan mit der Umgebung vertraut. „Wenn die Eingewöhnung gelungen ist, genießen die Studierenden das Leben in Deutschland sehr“, stellt Tippmann fest. „Auch auf unseren Alumni-Treffen erleben wir, wie stark und motiviert sie sich fühlen, entschlossen an ihren Hochschulen etwas aufzubauen.“ Hoch qualifizierte und selbstbewusste Vorbilder wie die Unternehmerin Roya Mahboob oder Masterabsolventen spielen beim Aufbau nachhaltiger Strukturen in Afghanistan eine große Rolle. „Sie etablieren eine neue Diskussionskultur, in der Kreativität entstehen kann“, sagt ZiiK-Leiter Nazir Peroz. Was ihn besonders freut: Bis zu vierzig Prozent der Informatik-Studierenden an den afghanischen Partneruniversitäten sind mittlerweile Frauen. So viel weibliches Interesse an technischen Inhalten erlebt er selbst in Deutschland nur selten. ▪

Gunda Achterhold