„Kunst fällt nicht vom Himmel ins Museum“

Vor 20 Jahren wurden die Washingtoner Prinzipien zur Rückgabe von NS-Raubkunst beschlossen. Der Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste zieht Bilanz.

Die „Washingtoner Prinzipien" sind Grundlage für den Umgang mit NS-Raubkunst.
Die „Washingtoner Prinzipien" sind Grundlage für den Umgang mit NS-Raubkunst. dpa

28. Februar 2012: Zollfahnder durchsuchen die Münchner Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt. Sie finden dort und später in seinem Haus in Salzburg als verschollen geltende Kunstwerke von Monet, Liebermann, Chagall, Picasso. Es sind mehr als 1.500 Arbeiten, viele davon mit zweifelhafter Herkunft. Sie stammten aus dem Nachlass von Gurlitts Vater und der Verdacht lag nahe, dass es sich um in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig erworbene Bilder handelte. Der Fall rückte die  Provenienzforschung – die Erforschung der Herkunft von Kunstwerken – in den Fokus der Öffentlichkeit.

Das öffentliche Interesse war neu, das Problem aber bekannt: Unter den Begriff NS-Raubkunst fallen alle Kunstwerke, die die Nationalsozialisten vor allem von jüdischen Eigentümern gestohlen oder abgepresst haben. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren es mehr als 600.000 Kulturgüter. Viele Eigentümer und Erben sind bis heute nicht identifiziert. Vor genau 20 Jahren einigten sich deshalb 44 Staaten, zwölf nicht-staatliche Organisationen und der Vatikan in Washington darauf, die rechtmäßigen Erben dieser Gegenstände zu suchen und eine faire Lösung zu finden. Die „Washingtoner Prinzipien“ bildet seitdem die Grundlage den Umgang mit dieser Art der Raubkunst.

Zwei Jahrzehnte später findet zum Jubiläum die internationale Fachkonferenz „20 Jahre Washingtoner Prinzipien: Wege in die Zukunft“ in Berlin statt. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste will gemeinsam Bilanz ziehen. Was wurde erreicht? Was muss verbessert werden? Vorstand Professor Gilbert Lupfer beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Prof. Dr. Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste
Prof. Dr. Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Deutsches Zentrum Kulturgutverluste/Viktoria Kühne

Herr Professor Lupfer, welchen Wert haben die Washingtoner Prinzipien heute für unserer Gesellschaft?
Es gibt leider nur noch wenige Überlebende des Holocaust, die ihre Geschichten erzählen können. Ich glaube aber, dass auch Kunstwerke oder andere Kulturgüter diese Rolle ein Stück weit übernehmen können – vorausgesetzt man lässt sie sprechen. Wenn beispielsweise ein Werk, das 1938 einem jüdischen Eigentümer entzogen wurde, dann restituiert, also zurückgegeben, und anschließend vom Museum zurückgekauft wurde, lediglich mit „Erwerbung: 2015“ beschriftet ist – dann bleibt ein Gemälde eben „bloß“ ein Gemälde. Die dramatischen Geschichten der Enteignung enden nicht, sobald der letzte Zeitzeuge gestorben ist. Sie leben weiter, in den Familien und Erben der Opfer. Denen sind wir es schuldig, die historische Wahrheit zu erforschen und sichtbar zu machen.

Seit 20 Jahren gibt es die „Washingtoner Prinzipien“ – sind sie eine Erfolgsgeschichte?
Ich würde diese 20 Jahre in Deutschland in verschiedene Abschnitte unterteilen. Bis 2008 ging es in der Provenienzforschung nur langsam voran. Es gab zwar einen zunächst kleinen Arbeitskreis von Provenienzforscherinnen, die Lost-Art-Datenbank und die Magdeburger Koordinierungsstelle. Aber es gab noch kein wirksames Instrument, um Museen und Bibliotheken bei ihrer Forschung finanziell und beratend zu unterstützen. Bis 2008 die Arbeitsstelle Provenienzforschung in Berlin gegründet wurde. Von diesem Zeitpunkt an hat die Forschung Fahrt aufgenommen. Dann wurde Ende 2013 der Fall Gurlitt bekannt. Er verdeutlichte, dass die Folgen des NS-Kunstraubes nicht nur öffentliche Einrichtungen betreffen, sondern auch private Sammler und den Handel. 2015 wurde schließlich das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gegründet. Inzwischen können wir der Provenienzforschung in einem sehr großen Umfang fördernd und beratend zur Seite stehen. Unsere Einrichtung ist weltweit einzigartig.

Wie wichtig ist es für die Museumsbesucher zu wissen, welche Geschichte ein Bild hat?
Oft wird unterschätzt, wie groß das öffentliche Interesse an der Provenienzforschung ist. Die Menschen wollen nicht nur ästhetische Kunst genießen, sondern auch etwas über deren Herkunft erfahren. Kunstobjekte fallen nun mal nicht vom Himmel ins Museum. Am Wochenende war ich in einer Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin, die den aktuellen Forschungsstand zur Gurlitt-Sammlung präsentiert – ich habe selten eine so lange Besucher-Schlange gesehen.

Wie können die Museum mit der Geschichte umgehen? Sollten alle Ausstellungen zum Thema bringen?
Es geht natürlich auch viel kleiner. Es wäre sinnvoll, wenn die Beschilderungen oder die Audio-Guides in den Museen dementsprechende Informationen bieten würden. Diese Herkunftsangaben sind oft noch unbefriedigend. Das ändert sich aber gerade nach und nach. Museen merken langsam: Es geht nicht nur darum, gestohlene Werke zu identifizieren und zu restituieren. Es geht auch darum, die Geschichte des Werks und den Weg, den es zurückgelegt hat sichtbar zu machen.

Welche Hürden gilt es in den nächsten 20 Jahren zu nehmen?
Ein Stichwort lautet Digitalisierung. Der Bestand eines Museums sollte immer digital erfasst und online recherchierbar sein. Das ist noch nicht immer der Fall und eine große logistische Herausforderung für die Museen. Außerdem arbeiten wir gerade an einer neuen Forschungsdatenbank, in der wir Ergebnisse der Provenienzforschungsprojekte zusammentragen wollen. Dadurch soll ein noch besseres globales Netzwerk entstehen. Ich glaube, es wird aber unsere Hauptaufgabe, die Anliegen der „Washingtoner Prinzipien“ an die nächsten Generationen weiter zu tragen. Ein Land hat keine Zukunft, wenn es sich nicht mit seiner Vergangenheit beschäftigt.

Die Erklärung Deutschlands und der USA zu den Washingtoner Prinzipien im Wortlaut

© www.deutschland.de

Newsletter #UpdateGermany: Du möchtest regelmäßig Informationen über Deutschland bekommen? Hier geht’s zur Anmeldung: