„Eine Schwächung des Völkerrechts nützt niemandem“
Drei Munich Young Leaders über Multilateralismus, Wirtschaftsmacht und Völkerrecht – und welche Rolle Deutschland jetzt übernehmen sollte.
Sie sind jung, bestens vernetzt und beschäftigen sich mit den großen Fragen von Krieg und Frieden. Neben hochrangigen Politikerinnen und Politikern aus aller Welt kommen zur Münchner Sicherheitskonferenz auch Nachwuchskräfte aus Außen- und Sicherheitspolitik zusammen. Jedes Jahr werden 25 Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Parlamenten, Medien und Unternehmen als „Munich Young Leaders“ eingeladen – ein gemeinsames Programm der Sicherheitskonferenz und der Körber-Stiftung. Drei von ihnen sagen uns, wie sie die aktuelle sicherheitspolitische Lage einschätzen.
Rayane Oliveira de Aguiar Athias arbeitet im Bereich Internationale Beziehungen der Regierung des Bundesstaates Pernambuco in Brasilien:
Der Zusammenbruch der globalen Governance-Strukturen und die Klimakrise stellen die größten Bedrohungen für unsere Sicherheit dar. Ich bin überzeugt, dass der richtige Weg nach vorn in einem erneuerten Multilateralismus liegt, der sowohl Entwicklungs- als auch Industrieländer stärkt, um mutige, gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen und eine Zukunft zu gestalten, die für alle grüner, gerechter und sicherer ist. Als größte Volkswirtschaft Europas und als Land, das sich der globalen Zusammenarbeit verpflichtet fühlt, kann Deutschland eine Schlüsselrolle dabei spielen, die grüne Wirtschaft voranzubringen und den internationalen Dialog sowie die internationale Kooperation zu fördern, um die aktuellen Krisen zu überwinden.
Gideon Adugna, Sonderberater für Strategie und Politik bei der Deutschen Marine in Berlin und Rostock:
Wir stehen international vor der Frage, wie das Miteinander der Staaten in Zukunft gestaltet werden soll. Agieren sie kooperativ entlang internationaler Regelwerke, die Grenzen und Freiheit für alle garantieren sollen? Oder entlang konfrontativer Interessenspolitik, im Sinne von „Grenzen für alle, Freiheit für mich!“ Die internationalen Machtzentren setzen auf die Logik wirtschaftlicher Dominanz in Verbindung mit militärischer Stärke. Für Deutschland bedeutet das: Wir müssen beide Bereiche stärken und als „Tools of Diplomacy“ verstehen, um den eigenen Handlungsspielraum zu erhalten. Insbesondere mit dem notwendigen Aufwuchs der Streitkräfte kann Deutschland so seine Position als kooperative Führungsmacht in Europa und weltweit festigen.
Khadija Yasmin Bokhari, Juristin und Mitgründerin einer NGO in Pakistan:
Die regelbasierte internationale Ordnung wurde lange Zeit nicht überall gleich angewandt und kam in der Praxis nicht allen Staaten in gleichem Maße zugute. Statt einer stärkeren Durchsetzung des Völkerrechts zeigen die jüngsten Entwicklungen vielmehr einen Rückschritt: Selbst Länder, die sich lange sicher wähnten, verlieren an Schutz – wie die Spannungen um Grönland verdeutlichen. Das stellt eine ernsthafte Herausforderung für die internationale Sicherheit dar, denn eine Schwächung des Völkerrechts nützt niemandem. In einer Phase zunehmender Abschottung kann Deutschland eine Schlüsselposition einnehmen, indem es allen Staaten – nicht nur den europäischen – eine offene und inklusive Plattform bietet, um durch einen ehrlichen Dialog das Vertrauen in das Völkerrecht wieder zu stärken.