Mehr Handel nach der Pandemie?

Als Argentiniens Präsident Fernández Anfang 2020 Deutschland besuchte, hoffte er auf intensivere  wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dann kam Corona. 

Voller Optimismus: Merkel und Fernández im Februar in Berlin.
Voller Optimismus: Merkel und Fernández im Februar in Berlin. dpa

Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da saßen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der argentinische Präsident Alberto Fernández in Berlin zusammen. Die Bundeskanzlerin sagte Fernández Unterstützung bei Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds zu – wohl wissend, dass Argentinien damals kurz vor einem erneuten Staatsbankrott stand. Man sprach auch über das bereits unterzeichnete, aber noch nicht ratifizierte Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern: Merkel war dafür, Fernández skeptisch.

Fernández‘ Gespräche mit deutschen Wirtschaftsvertretern verliefen vielversprechend: Volkswagen kündigte eine Investition von 800 Millionen US-Dollar in Argentinien an – das Unternehmen ist schon jetzt der größte deutsche Arbeitgeber in dem südamerikanischen Land. Auch andere deutsche Firmen seien bereit zu investieren, sagte die Kanzlerin. Die Zeichen standen auf Aufbruch.

Krise mit offenem Ausgang

Sechs Monate später wirkt jenes Abendessen wie aus einer anderen Zeit. Zwar wählte das Time Magazine im Juni 2020 sowohl Deutschland als auch Argentinien unter die elf Länder mit dem besten Management der Corona-Krise. Doch im Fall von Argentinien ist der Ausgang dieser Krise in Anbetracht der leeren Staatskassen offen: Die Einschränkungen wegen der Pandemie setzen der Wirtschaft zu und die Möglichkeiten der Regierung, unterstützend einzugreifen, sind begrenzt. Zwar hat sich Argentinien inzwischen mit einem Teil der Gläubiger geeinigt. Doch es fehlt an Devisen, die Arbeitslosigkeit steigt, die Armutsziffern liegen bei mehr als 40 Prozent.

Inzwischen hat auch die deutsche Bundeskanzlerin Zweifel am Freihandelsabkommen EU-Mercosur angemeldet, aufgrund der Brandrodungen im brasilianischen Amazonasgebiet. Wirtschaftsverbände befürchten nun, dass so Impulse für die Bewältigung der Corona-Krise verloren gehen. Umweltverbände wiederum fordern ein völlig neues Abkommen, das soziale Gerechtigkeit sowie den Klima- und Artenschutz in den Mittelpunkt stellt.

Die Pandemie trifft Argentinien im dritten Jahr einer Rezession.

Barbara Konner, Geschäftsführerin der AHK in Buenos Aires

Bei der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Buenos Aires hätte man sich eine baldige Ratifizierung des Abkommens gewünscht. „Investoren brauchen Rechtssicherheit und gleichbleibende Spielregeln“, sagt Geschäftsführerin Barbara Konner. Zwar betont sie das große Potenzial Argentiniens, etwa im Bergbau, doch: „Die Pandemie trifft das Land im dritten Jahr einer Rezession.“

Traditionell exportiert Deutschland vor allem Automobil- und Industrieprodukte sowie Medikamente nach Argentinien. Umgekehrt sind es vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse, etwa Rindfleisch und Soja, die nach Deutschland gehen. Doch wie die Weltwirtschaft, ist auch der Handel zwischen beiden Ländern in der Pandemie eingebrochen. Argentinien exportierte nach Angaben des argentinischen Außenministeriums im ersten Halbjahr 2020 Waren im Wert von 358 Millionen US-Dollar nach Deutschland, 26,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Deutschland wiederum führte Waren im Wert von 1.028 Millionen US-Dollar nach Argentinien aus, ebenfalls rund 27 Prozent weniger als 2019.

Etwa 12.000 Kilometer trennen beide Länder. Seit Ende März 2020 sind die argentinischen Grenzen geschlossen, der internationale Flughafen bei Buenos Aires ist nur für Sonderflüge geöffnet. Für Logistikfirmen ist die Pandemie eine besonders große Herausforderung, insbesondere was die Luftfracht betrifft. „95 Prozent der Flugzeuge bleiben in der Pandemie am Boden“, sagt Christian Albrecht. Der Geschäftsführer von DB Schenker Argentinien freut sich immerhin, dass die Digitalisierung durch die Pandemie einen neuen Schub bekommen hat: „Es ist gut, dass immer mehr Schritte, insbesondere beim Warenimport, digital erledigt werden können. Das hilft uns und auch unseren Kunden.“

Deutschland ist aufgrund seiner Größe ein wichtiger Handelspartner für uns.

Jorge Neme, argentinischer Außenhandelssekretär

Im argentinischen Außenministerium setzt man auf einen vermehrten Handel mit Deutschland in der Zeit nach der Pandemie. „Wir sehen Möglichkeiten für den Export von Autoteilen, Bioprodukten, Weinen, Kupfererz sowie wissensbasierten Dienstleistungen“, sagt Außenhandelssekretär Jorge Neme. „Beide Länder können sich im Handel gegenseitig ergänzen und natürlich ist Deutschland auch aufgrund der Größe seines Marktes ein wichtiger Handelspartner für uns.“

Der Weg aus der Krise dürfte für Argentinien eher zäh verlaufen, vermutet Barbara Konner von der AHK: „Trotzdem haben wir bisher von keinem deutschen Unternehmen gehört, das Argentinien verlassen möchte. Das Engagement ist meist mittel- bis langfristig angesetzt.“

 


Wichtigste Handelsgüter 2019

Exporte von Deutschland nach Argentinien: Maschinen, Autos und Autoteile, chemische Erzeugnisse, pharmazeutische Erzeugnisse, elektrische Ausrüstungen

Exporte von Argentinien nach Deutschland: Nahrungs- und Futtermittel, pharmazeutische Erzeugnisse, Bergbauprodukte, Erzeugnisse der Landwirtschaft und Jagd, Kraftwagen und Kraftwagenteile

 

Quelle: GTAI


 

 


Handelsbilanz 2019

Deutsche Exporte nach Argentinien: 2,4 Milliarden Euro

Argentinische Exporte nach Deutschland: 1,1 Milliarden Euro

 

Quelle: Deutsch-argentinische Industrie- und Handelskammer