In Köpfe investieren

Der wirtschaftliche Aufholprozess im Osten Deutschlands stagniert. Was tun? Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller nennt die Stellschrauben.

Foyer des Chemie-Neubaus der TU Dresden
Foyer des Chemie-Neubaus der TU Dresden TUD/ tu-dresden.de

Herr Professor Holtemöller, der wirtschaftliche Aufholprozess in den neuen Bundesländern stagniert nach schnellen Anfangserfolgen nach der Wiedervereinigung 1990 bei etwa 70 bis 80 Prozent des westdeutschen Niveaus. Sind die letzten Prozentpunkte noch zu erreichen?
Es kommt darauf an, worauf man die 70 bis 80 Prozent bezieht. Bei dem verbreiteten Indikator Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ist eine weitere Annäherung wegen der stärkeren demografischen Veränderung in Ostdeutschland – mit mehr älteren und weniger jüngeren Menschen  – so gut wie ausgeschlossen. Bei der Produktivität ist eine weitere Angleichung wünschenswert. Es gibt aber große Hemmnisse, die mit der Innovationsfähigkeit zu tun haben. Öffentlich geförderte Spitzenforschung findet überwiegend im Westen Deutschlands statt, und die privaten Forschungsausgaben liegen im Osten weit unterhalb des westdeutschen Niveaus. Außerdem sind Vielfalt und Internationalität, die ebenfalls die Innovationstätigkeit stimulieren, in Ostdeutschland weniger ausgeprägt. In absehbarer Zeit ist nicht damit zu rechnen, dass die Konvergenzgeschwindigkeit wieder zunimmt.

Professor Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.
Professor Oliver Holtemöller ist stellvertretender Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.
IWH

Wo liegen die Stärken der ostdeutschen Industrie?
Maßgeblich für den Beschäftigungsaufbau und das Wirtschaftswachstum ist in Deutschland der Dienstleistungsbereich. In der Industrie ist die Wissensintensität ausschlaggebend. Entsprechende Leuchttürme fehlen in Ostdeutschland. Eine Region, die sich vergleichsweise dynamisch entwickelt, ist Jena mit ihrem Schwerpunkt in der optischen Industrie.

Willkommenskultur, Spitzenforschung und Gründer in Ostdeutschland stärken

Professor Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Und was sind die Schwächen?
Es gibt zwei große Baustellen: die Demografie und die Innovationskraft. Beides hängt miteinander zusammen: Wenn die ostdeutschen Bundesländer nicht attraktiver für gut qualifizierte Beschäftigte werden, dürften sich die wirtschaftlichen Probleme verschärfen. Das fängt bei der frühkindlichen Bildung an und geht bis zur Willkommenskultur. Die Hochschulen müssten so gestärkt werden, dass sie bei der Spitzenforschung besser mit westdeutschen und internationalen konkurrieren können. Innovation entsteht oft in jungen und neuen Unternehmen, es bedarf also einer Gründungsdynamik. Ein Festhalten an alten Strukturen ist langfristig hinderlich.

2019 läuft der Solidarpakt aus und wird schrittweise in eine Regionalförderung überführt. Wie sehen Sie die wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundesländer?
Die Abkehr vom „Himmelsrichtungsprinzip“ ist richtig. Dennoch wird weiter ein Großteil der Förderung in ostdeutsche Regionen fließen, weil Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bleiben werden. Es geht allerdings nicht nur um die Höhe der Fördergelder, sondern vor allem um die Prioritäten.

Interview: Martin Orth

© www.deutschland.de