„Kontakte bleiben ein Leben lang“

Vom europäischen Erasmus-Programm können auch Auszubildende profitieren. Zwei Azubis erzählen von ihrem Auslandspraktikum.

„Kontakte bleiben ein Leben lang“
Melinda Nagy/shutterstock

Vicenza in Italien statt Buxtehude in Norddeutschland, Malta statt Berlin: Prattheepan Thavarajah und Julia Bülow gingen während ihrer Ausbildung für ein paar Wochen ins Ausland und erinnern sich noch genau an überwundene Sprachbarrieren und Freundschaften, aber auch an Wetten mit italienischen Kollegen oder spontane Reisen nach Malta während der Corona-Pandemie. Möglich gemacht hat diese Erfahrungen das europäische Austauschprogramm Erasmus. Viele denken dabei zwar zuerst an Studierende, denen das Programm seit 35 Jahren Auslandsaufenthalte ermöglicht. Doch das Programm Erasmus+ der Europäischen Union richtet sich auch an Auszubildende.

Als junger Bäcker nach Italien

Prattheepan Thavarajah kommt gerade von seiner Frühschicht als Bäcker in einem Hamburger Café, als er von seiner Zeit im italienischen Vicenza erzählt. Vier Jahre liegt seine erste Reise in den Nordosten Italiens im Sommer 2022 inzwischen zurück, aber er erinnert sich noch genau daran. Er war damals Lehrling in Buxtehude, einer Kleinstadt in der Nähe von Hamburg. Drei Wochen war er zunächst in Vicenza, mehr war aufgrund der anstehenden Prüfungen in Deutschland nicht möglich. „Ich hatte eine Wette mit meinen italienischen Kollegen – wenn ich bestehe, müssen sie unsere Bäckerei besuchen“, erzählt Thavarajah. Er bestand, die Kollegen aus Italien kamen in den Norden Deutschlands, und er selbst ging 2019 noch einmal für drei Monate nach Vicenza.

Prattheepan Thavarajah während seiner Ausbildung
Prattheepan Thavarajah während seiner Ausbildung privat

Sprachbarrieren im Ausland überwinden

„Verwaltungsfachangestellte mit Sprachprojekt“, heißt die Ausbildung, für die sich Julia Bülow entschied. Und damit war klar, dass sie als Auszubildende auch ins Ausland gehen würde. Doch der Wechsel von einem Berliner Bezirksamt an eine Berufsschule in Malta war gar nicht so einfach während der Corona-Pandemie. Ursprünglich war ein Aufenthalt von fünf Monaten geplant, aber am Ende wurden es nur sechs Wochen. Und damit es dazu kam, musste Bülow schnell reagieren. „Meine Lehrerin kam in der Berufsschule auf mich zu und meinte‚ Malta ist kein Risikogebiet mehr – am besten du planst jetzt und fliegst morgen“, erinnert sie sich. Für ihre Englischkenntnisse waren es wichtige Wochen. Denn auch wenn sie englische Fachvokabeln an der Berufsschule lernte, waren die Wochen in Malta für die 21-Jährige eine ganz wichtige Lektion: „Gerade diese Sprachbarrieren, diese Angst, mit fremden Leuten in die Kommunikation zu gehen – das habe ich überwinden können.“ An ganz besondere Formen der Kommunikation erinnert sich Thavarajah: „Wir haben mit Händen und Füßen kommuniziert und die Zahlen in Mehl geschrieben.“

Ein Programm für alle

Bülow und Thavarajah konnten dank der Förderung durch das EU-Programm Erasmus+ mehrere Wochen in Malta und Italien verbringen. Mit dem Programm soll die europaweite Zusammenarbeit in allen Bildungsbereichen unterstützt werden, von 2021 bis 2027 steht dafür ein Gesamtbudget von rund 26 Milliarden Euro zur Verfügung.

Auszubildenden eröffnet dies die Chance, ein Auslandspraktikum zu absolvieren. Das Erasmus+-Stipendium beinhaltet Aufenthalts- und Fahrtkosten – damit ist oft zumindest der Großteil der Kosten gedeckt. Ein weiterer entscheidender Vorteil: Während des Auslandsaufenthalts werden Azubis von ihrem Ausbildungsbetrieb weiterbezahlt.

Julia Bülow in Malta
Julia Bülow in Malta privat

Lebenslange Erinnerungen

Ein Erasmus-Austausch bedeutet für die meisten mehr als nur ein paar Wochen im Ausland. Was bleibt, sind zum Beispiel neue Freundschaften. „Mit meiner Gastmutter bin ich noch im Kontakt“, sagt etwa Tharavajah. Als es 2021 zu schweren Überschwemmungen im Ahrtal in Deutschland kam, habe sie ihn gefragt, ob er in Sicherheit sei. „Solche Kontakte bleiben ein Leben lang“, meint er. Er will bald wieder nach Vicenza reisen. Bülow beendet im August 2022 ihre Ausbildung und will dann gerne wieder ins Ausland gehen. „Ich bin jetzt schon am Suchen.“

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