Der weite Weg zu Luther

Martin Luther war ein Reisender – an vielen Orten in Deutschland kann man ihm nachspüren. Und doch bleibt der Reformator dabei stets ein Rätsel.

Der Familienvater, der mit Frau und Kindern in der Lutherstube steht, seufzt betont laut. „Ich erkläre es jetzt zum letzten Mal.” Mehrfach hat er beschrieben, wohin man den Blick richten muss, um den vermeintlichen Tintenfleck an der Wand zu sehen, aber der Sohn hat ihn noch immer nicht entdeckt. „Also: Siehst du den Holzbalken? An dem entlang guckst du bis ganz oben – und dann ein Stück nach links.“ Da ist sie: jene Stelle, die zu der Anekdote passt, der Teufel sei Martin Luther hier in seinem Arbeitszimmer auf der Wartburg erschienen, woraufhin der Reformator ein Tintenfass nach ihm warf. Der Junge nickt zufrieden – und der Vater hat ohnehin merklich Freude an der bildhaften Geschichtslektion. Doch weiter geht‘s, vor der engen Stube warten schon die nächsten Besucher.

Luther nachspüren – das ist es, was viele Menschen auf die Wartburg bei Eisenach und an andere Orte zieht, an denen der Wegbereiter der Reformation gewirkt hat. Kommendes Jahr wird das Interesse besonders groß sein: Dann ist es 500 Jahre her, dass Luther seine 95 Thesen veröffentlichte. Eine Handlung, die gewaltige Veränderungen bedeutete – für die Kirche, für andere Bereiche des Lebens und für Luther selbst, der fortan als Ketzer galt. Weil er sich auf dem Reichstag in Worms 1521 weigerte zu widerrufen, inszenierten seine Unterstützer eine Entführung und brachten ihn hierher, in den Schutz der Wartburg.

Ein hölzerner Reisewagen wie der, mit dem Luther damals durch die dichten Wälder rumpelte, wird 2017 im Hof der Burg stehen. „Wir haben eine spezielle Zimmerei gefunden, die ihn nachbaut“, sagt Günter Schuchardt erfreut. Seit mehr als 20 Jahren ist er hier der Burghauptmann. Der Titel ist eher historische Eigenart als treffende Berufsbeschreibung – militärisch wirkt der bedächtige Herr mit der tief auf der Nase sitzenden Brille jedenfalls nicht. Dass er der wohl einzige Burghauptmann Deutschlands ist, passt dennoch ganz gut. Schließlich wäre sein Job mit 
„Museumsdirektor“ nur unzureichend beschrieben. Schuchardt ist zugleich Hüter eines UNESCO-Welt­erbes, kultureller Vermittler und Touristiker.

Als solcher weist er gern darauf hin, dass die Wartburg unter den zahlreichen Luthergedenkstätten die mit den meisten Besuchern ist: Rund 350 000 kommen jedes Jahr, mehr als jeder Sechste davon aus dem Ausland. Vor allem aus den USA, den Benelux-Staaten und aus Osteuropa reisen viele Menschen nach Thüringen und steigen hinauf zu der Burg oberhalb von Eisenach, die so eng mit der deutschen Geschichte verknüpft ist. Nicht nur, aber vor allem wegen Luther. Knapp ein Jahr lebte er hier unter dem Namen „Junker Jörg“ und übersetzte binnen elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche.

Herr Hauptmann, wie macht man die Bedeutung dieser Arbeit greifbar? Schuchardt erzählt von der Nationalen Sonderausstellung, die sie auf der Wartburg für 2017 planen – als eine von drei großen Lutherschauen in Deutschland. Er berichtet von einzigartigen historischen Exponaten und von Symbolen der Zeit im 3-D-Druck. Aber er will die Frage nach Luther auch weitergeben, an Menschen aus dem Alltag: In Videointerviews sollen sie beschreiben, was der große Veränderer heute für sie bedeutet. Schuchardt ist gespannt, was dabei herauskommt. „Eines ist sicher: Jede Generation macht sich ihr eigenes Lutherbild.“

Kein Wunder. Unterwegs auf Luthers Spuren merkt man schnell, wie schwierig es ist, einen umfassenden, realistischen Eindruck dieses Mannes zu bekommen. Man muss dafür an viele Orte reisen – vor allem in Thüringen und Sachsen-Anhalt – und jede Menge Mosaiksteine einsammeln. Nur um am Ende festzustellen, dass sie nicht zusammenpassen.

Auch in Erfurt, rund 50 Kilometer von der Wartburg entfernt, finden sich solche Versatzstücke. Hier begann Luther 1501 sein Studium. Einige Jahre später schwor er während eines Gewitters in Todesangst, Mönch zu werden. Das Augustinerkloster, in das er daraufhin eintrat, liegt heute wie eine Insel der Ruhe mitten im Trubel der Altstadt. Wo inzwischen Touristen übernachten und Geschäftsleute tagen, lebte Luther drei Jahre lang ein strenges Ordensleben. Und der Novize Luther soll besonders strikt gewesen sein, was die Einhaltung der Regeln anging – gegenüber anderen und sich selbst. Wie passt das zum lebenslustigen Luther, der gesellige Runden schätzte, nicht nur zu Fastenzwecken gern Bier trank und in dessen Haus immer viel los war?

Diesen Luther trifft man in Wittenberg. In der Stadt an der Elbe lehrte er und promovierte in Theologie. Hier heiratete er auch Katharina von Bora, eine frühere Nonne. Das Haus an der Collegienstraße, in dem sie mit ihren sechs Kindern lebten, ist eines der Hauptziele von Besuchern der Stadt. Viele Schichten Zeit haben sich dort über das Leben der Familie gelegt. Restauratoren ist es dennoch gelungen, einiges zu erhalten. Auch im Lutherhaus ist 2017 eine Nationale Sonderausstellung zu sehen.

Am anderen Ende der Wittenberger Altstadt zeigt sich ein weiterer Lutherort wieder von seiner besten Seite: die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen geschlagen haben soll. Im Vorfeld des Jubiläums wurde sie umfassend restauriert. Uwe Rähmer hat die Arbeiten im Inneren geplant und geleitet – ein Projekt von rund sechs Jahren, bei dem historische Genauigkeit und geduldige Recherche gefragt waren. „Wo etwas ersetzt werden musste, haben wir es nach Vorgabe der Quellen gemacht“, sagt Rähmer, der etwa alte Bautagebücher zurate zog.

Was den Restaurator Rähmer über diese Kirche hinaus mit Luther verbindet, kann man erahnen, wenn man sich die Internetseite seines Betriebs im sächsischen Großröhrsdorf ansieht. Vor die Homepage hat Rähmer eine weitere Ansicht geschaltet. „Einfach mal den Mund aufmachen“, schreibt er dort und verurteilt Angriffe auf Flüchtlingsheime, wie es sie in der Region zuletzt gab. Das erinnert an Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“ – und doch ist da gleich der nächste Widerspruch. Denn Luther steht nicht nur für Unerschrockenheit, eigenständiges Denken und eine gewisse Form von Zivilcourage – Luther war auch Antisemit.

Die Gegensätze im Charakter des Reformators beschäftigen auch Astrid Mühlmann. „Luther war eine sehr zwiespältige Persönlichkeit“, sagt die Geschäftsführerin der Staatlichen Geschäftsstelle Luther 2017. In jeder Historikerrunde zum Thema könnte die Juristin gut mithalten. Unterhaltsam und engagiert spricht sie über das Phänomen Luther, über seinen Einfluss auf die Sprache, das Sozialsystem, die Kultur. Überzeugend beschreibt sie Luther als frühes Marketinggenie und die Reformation als erstes großes Medienereignis.

In Deutschland und darüber hinaus wirbt Mühlmann derzeit für die Angebote im Jubiläumsjahr – zuletzt sogar beim Katholikentag in Leipzig. Höchstens anfängliche Irritation bei dem einen oder anderen Besucher habe sie gespürt, sagt sie, insgesamt aber eine große Offenheit. Eigentlich sei es mit Luther heute ähnlich wie zu Zeiten der Reformation: „Da gibt es diesen einen Mann, der stark polarisiert – und sehr viele Menschen, die sich für ihn interessieren.“ ▪

www.luther2017.de

www.here-I-stand.com

www.3xhammer.de