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„Herzinfarkt wird bei Frauen seltener erkannt“

Sabine Oertelt-Prigione forscht zu geschlechtersensibler Medizin – und erklärt, warum der „männliche Standard“ in der Medizin bis heute Folgen hat. 

Kim BergKim Berg , 06.05.2026
Manche Krankheiten wurden wegen Geschlechtsunterschieden lange nicht erforscht.
Manche Krankheiten wurden wegen Geschlechtsunterschieden lange nicht erforscht. © Fazit/AdobeStock

Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin und Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld und an der Radboud University Medical Center in Nijmegen. Sie setzt sich dafür ein, dass Diagnostik und Therapien die Unterschiede zwischen Geschlechtern stärker berücksichtigen. 

Porträt von Sabine Oertelt-Prigione
Sabine Oertelt-Prigione arbeitet als Professorin für geschlechtersensible Medizin.

Frau Oertelt-Prigione, warum können Menschen je nach Geschlecht unterschiedlich erkranken? 

Weil Biologie und soziale Faktoren zusammenwirken. Biologisch spielen etwa Hormone, Genetik und Anatomie bei der Gesundheit eine Rolle. Das beeinflusst zum Beispiel, wie Immunsystem oder Herz-Kreislauf-System reagieren. Gleichzeitig prägen soziale Faktoren die Gesundheit. Bewegung oder Risikoverhalten wie Rauchen und Alkohol unterscheiden sich teils weiterhin zwischen den Geschlechtern – und auch Arbeitsstress, Wohnumfeld oder Luftqualität wirken sich auf den Körper aus. Dazu kommen strukturelle Aspekte wie Einkommensunterschiede, Armutsrisiko, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, die Gesundheit und Versorgungschancen beeinflussen. 

Wo zeigt sich heute am deutlichsten, dass Medizin lange auf den „männlichen Standard“ ausgerichtet war? 

Sehr deutlich wird es daran, was lange als „forschungswürdig“ galt. Frauen durften bis ins frühe 20. Jahrhundert vielerorts gar nicht in der Medizin tätig sein – und wer in Entscheidungsgremien sitzt, beeinflusst, welche Fragen gestellt werden. Wenn Diversität fehlt, kommen bestimmte Themen gar nicht erst auf die Agenda. Ein Ergebnis ist, dass manche Krankheiten und Lebensphasen jahrelang kaum erforscht wurden – etwa Endometriose, Beschwerden rund um die Menopause oder auch das Lipödem, eine schmerzhafte Störung der Fettverteilung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. 

Wenn sich Diagnosekriterien und „typische“ Symptome am Standardbild orientieren, haben alle ein Risiko, die diesem Bild nicht entsprechen.
Sabine Oertelt-Prigione

Welche konkreten Folgen hat das für Patientinnen und Patienten? 

Wenn sich Diagnosekriterien und „typische“ Symptome am Standardbild orientieren, haben alle ein Risiko, die diesem Bild nicht entsprechen. Das klassische Beispiel ist der Herzinfarkt, der lange als „männlich“ konnotiert wurde – mit der Folge, dass Frauen seltener diagnostiziert wurden. Umgekehrt gibt es auch Erkrankungen, die als „weiblich“ gelten: Depression wird Frauen häufiger zugeschrieben, bei Männern dementsprechend unterschätzt und unterdiagnostiziert.  

Wie weit ist Deutschland bei diesem Thema? 

Inzwischen gibt es viele Standorte in Deutschland, die sich mit unterschiedlichen Themen der geschlechtersensiblen Medizin befassen. Durch aktuelle Forschungsförderungen aus der Politik sehe ich vor allem in der Frauengesundheit gute Fortschritte. Entscheidend wird sein, ob der politische Fokus langfristig bleibt, da kurzfristige Programme über wenige Jahre die Entwicklung eines jungen Feldes stark einschränken können. Wenn die Unterstützung anhält, könnte Deutschland perspektivisch sogar eine Vorreiterrolle einnehmen.